Notizen zur Person

Im Erkennen sichtbar machen

Als ich bei einem Gespräch den Arbeiten dieses jungen Künstlers gegenüberstand, war die erste und bestimmende Empfindung die Freude über den Ernst und die Ehrlichkeit, mit der Michael Rickert den Dingen seine und unserer Welt auf den Grund zu gehen bemüht ist.

Das ist in unserer Kunstlandschaft wahrlich nicht alltäglich und deswegen besonders anzumerken: Daß hier nicht die oberflächliche Brillanz optisch genüsslicher Effekte sich spreizt und schillert, dass hier so gar nichts von der Manie bestimmt wird, um jeden Preis etwas Neues auf den Markt zu bringen, mit dem man auffallen und sich zum künstlerischen Hit hochjubeln kann, – dass ebenso wenig mit den skurrilen Mitteln pseudophilosophischer Unverständlichkeit ein abseitiger Symbolismus suggeriert wird, sondern dass das erstaunliche passiert: Man erfährt in den Bildern des jungen Malers und Grafikers „Natur“!

Was aber will diese „Natur“-Erfahrung als Weg und Aussage uns Betrachtern und somit Angesprochenen im Werk von Michael Rickert bedeuten?
Natur hat seit der Erfindung der Photographie, also ihrer genauen Reproduzierbarkeit, für den Künstler oft einen abwertenden Klang, sicher aber so etwas wie einen doppelten Boden bekommen. – und heute sogar dazu den nostalgischen Aspekt des auf immer verlorenen Paradiesischen. Hier – bei solchen Überlegungen, die vor allem platten Naturalismus ausschließen müssen, um Mißverständnissen vorzubeugen, beginnt die philosophische Dimension des Begriffs „Natur“, die etwas vom Urwesen, vom Inbegriff- de natura rerum – ausloten und im Erkennen sichtbar machen will.

Es ist der künstlerische weg, so meine ich, vom optischen Begreifenwollen zum verdichteten und aussagefähigem, bildgewordenen Begriff als einem lesbaren Sinnzeichen für all die Inhalte, die in der Niederschrift des Zeichners beim Betrachter neu lebendig werden, in ihrer Dechiffrierung zu erzählen beginnen, in ihrer „Natürlichkeit“ das tief verwurzelte essentiell Organische bis zum Kosmischen auszuweiten beginnen, – also ihre Dimension nicht in Richtung Naturwiedergabe im Sinne der Reproduktion, sondern umgekehrt in der Richtung zur eingeborenen Urnatur als ihres innersten Geheimnisses auszudehnen versucht.

Es ist die alte Erfahrung, die Albrecht Dürer so lapidar definiert hat: „Wer die Natur heraus kann reißen, der hat sie.“, oder die ein chinesischer Maler der Zen-Schule aussagt: „Bevor ich Bambus wirklich malen kann, muß ich erst ein Bambus werden.“. Und jede solche Erfahrung setzt einen langen und stillen Weg voraus vom außen nach innen als geistige und verdichtende Perspektive im sinne wesenhafter Durchschaubarkeit und Durchleuchtung.

Wenn man von daher, von solchen fixierendem Ausgangspunkt, die Arbeiten von Michael Rickert betrachtet, die hier vor allem Zeichnungen und Radierungen sind, versteht man auch seine Vorliebe für das kleine Format. Denn seine Sujets, seine Kompositionen, wollen nie laut und auffällig werden . sie kommen aus der Stille des Intimen, der Innerlichkeit, und vor allem Äußerlichen, vor Pathos und überraschenden Knalleffekten. Sie sind ganz auf das Kontemplative angelegt, um in Wesenhaftes einzudringen und es zum Zeichen formen zu können.

Sie sind in einem ganz besonderen Sinne lyrisch – voller Klang und Gefühl – und versagen sich allem dramatischen Effekt. Sie sind in der Differenzierung der grauen Zwischentöne, in der Modulierung der Strichlagen in einer leisen, oft verträumten Grundmelodie komponiert mit ihrem Hell-Dunkel, ihrer Lockerung und Verdichtung. Sie haben immer einen Raum, der Konzentration bedeuten will als seine geheime, ausstrahlende Mitte.

Wenn sich Michael Rickert beim Fragen nach seiner Standortbestimmung im Großfeld moderner Kunstrichtungen auf die Romantik bezieht, der das Erahnen kosmischer Zusammenhänge in der Ausdeutung der Natur als Welt oder der Welt als Natur zum steten Ziel wurde, – denken Sie an C.D,. Friedrich, an Hölderlin, an Novalis und nicht zuletzt an William Turner – um aus dem Begrenzten die Sehnsucht nach dem Unbegrenzten, dem unendlichen All zu speisen, sodaß wir heute in all unserer technischen Sterilität in den Bildern und Worten dieser Epoche etwas verblüffend Verwandtes, Vorbildhaftes zu entdecken vermögen, – so mag nicht nur für ihn dort ein geistiges Heimatbewusstsein aufdämmern.

Aber trotzdem und vielleicht gerade deshalb sagt und zeichnet M. Rickert in einer starken geistige Aktualität Gegenwärtiges aus, wird er in besonderem Sinne sur-real, indem er die Realitäten unserer Welt zu hinterfragen versucht in ihrer Bestimmung, ihrer gegenseitigen Zugehörigkeit, ihrer tieferen Sinnbedeutung. Doch auch hier der große Unterschied: Er will nicht unerklärbare Symbolismen des Unterbewussten stammeln, sondern er will im Eindringen in das Hintergründige neue Sinngehalte bewusst machen, sie bezeichnen, als seien sie im Sehen neu erkannt worden.

Das Auffällige in seinen grafischen Blättern, aber auch in seinen Gemälden ist seine Vorliebe für Abstufungen und Übergänge. – vom Dunklen ins Helle, vom Nahen ins Ferne, vom Vordergründigen ins Hintergründige – und wir Betrachter werden dabei unbewusst über mehr als eine Schwelle solcher Übergänge von unserem eigenen Fixpunkt weggelockt, wenn wir seine Bilder zu erfahren und seinen Bildträumen nachzufolgen versuchen. Denn auch der Traum, jetzt nicht im Surrealisten-Postulat á la Freud, ist bei Rickert ein Mitfaktor der Gestaltung, indem er unmerklich das Nahe mit dem Fernen vertauscht und zur visionären Transzendenz verzaubert, neue Beziehungen und Bedeutungen in unsere Alltagswelt hineinspiegelt.

Wir stehen hier vor den Arbeiten eines noch beneidenswert jungen Menschen, dem wir noch einen langen weg wünschen mit all der Beglückung fruchtbarer Schaffenskraft, aber auch mit all der Mühsal, die dazu gehört, die vielfältigen Erfahrungen und Begegnungen eines solchen Weges so zum Bild zu verdichten, dass sie wesenhafte Wegzeichen werden können. 
Und dazu wünschen wir ihm auch weiterhin den Mut zu solcher Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit seiner künstlerischen Welteinsicht!

Dr. Johannes Hohmann                                                      Coesfeld 1978

Subjektivität der Welterfahrung

In Rickerts Graphik und Photographie werden Hintergründe aufgedeckt, Hintergründe erfahrbarer Wirklichkeit. Ein für andere Augen banales Motiv – ein technisches Gerät, eine Häuserzeile, ein Torbogen – werden für ihn zum Ausgangspunkt eines doppelten Erfahrungsprozesses: parallel zu der graphischen und photographischen Umsetzung des sich verselbständigenden Formenmaterials der Wirklichkeit verändert sich der mit dem Gegenstand gemeinhin verbundene Aussagegehalt. Tiefere Sinnschichten werden entlarvt, erfaßt, entwickeln ihre virulente Kraft. Die subjektive „Unwirklichkeit“ der endgültigen Blätter und Photographien durchbricht Schranken, die eine durch Jahrhunderte an physikalischer Exaktheit orientierte Sehgewohnheit als „schützendes?“ Tabu vor der Subjektivität der Welterfahrung aufgebaut hat.

Das ist für unser Jahrhundert nicht neu. Picasso, die Expressionisten, ja selbst die Pop Art haben gezeigt, daß diese Sehgewohnheiten nur relativ, eben historisch bedingt normiert waren. Jedoch im Gegensatz zu der meist negativen Neuinterpretation der Welt durch die eben angesprochenen Stiltendenzen unseres Jahrhunderts geht es Rickert nicht um ein zerstörerisches Anprangern der Wirklichkeit. Vielmehr zeigt er die vielfältigen Möglichkeiten, Tiefen und Schönheiten auf, die sich aus ihr entfalten können, wenn man sich ihr offen nähert. Auch die düsteren Seiten, das Unheimliche, das Phantastische, die Monotonie der Technik, werden durch den gestaltenden Prozeß zu einem in sich stimmigen neuen Bild. Rickerts Strich ist oft tastend, ja manchmal zärtlich zögernd, erfaßt suchend die „Unwirklichkeit“, wie Kubin sie genannt hat. Hell-Dunkel, plötzliche Strichverdichtungen und ihr sparsames Ausklingen in den weißen Grund hinein fügen sich zu Bildkompositionen, die oft einen skizzenhaften Charakter behalten.

Aber dieses „relative“ Nonfinito ist wiederum bedingt in Rickerts persönlicher und künstlerischer Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Ersetzt ihrem festgeschriebenen Abbild mit eindeutigem Sinn nicht ein neues subjektives, aber wiederum definitives „Inbild“ gegenüber, das er als verpflichtend für sich und den Betrachter ausgibt. Er zeigt Möglichkeiten auf, aus denen sich neue Möglichkeiten entwickeln können und entwickeln, jenach der Bewußtseinslage und der gestaltenden Intuition.

Das adäquate künstlerische Medium für eine so geartete Sensibilität für das Im-Ubergang-, Im-Fluß-Seiende der Inhalte und der damit verbundenen Formen ist für Rickert primär die Radierung und neuerdings auch die Photographie, also immer die Arbeit mit der „Platte“, einem Vermittler, dem er zwar seine Zeichnung oder seinen „Blick“ aufzwingt, die aber immer wieder mit Überraschungen antwortet. Eine neue (Kunst)Wirklichkeit, von ihm selbst herauf beschworen, fordert ihn zum Weitergehen, ja zum Spiel mit dem Entstandenen. Dieses Spiel führt jedoch nicht zur reinen Abstraktion, zur Verselbständigung der Formen. Der Gegenstand bleibt in einer gewissen Weise verbindlich, ebenso wie ein ihm beizumessender Sinn. An einem gewissen Punkt wird es jedoch unklar, ob sich aus einer neu gefundenen Form eine neue inhaltliche Aussage entwickelt oder eine neue Aussagetendenz die Formenwelt verändert.

Wenden wir uns einem wichtigen Bereich von Rickerts Graphik im besonderen zu, ich meine seiner Tätigkeit als „Illustrator“. Hier bildet nicht nur das unmittelbar optische Erfassen der Realität den Ausgangspunkt, sondern eine literarisch vorgeformte Interpretation dieser Wirklichkeit. Sie muß in die „Illustration“ miteinfließen. Rickert hat sich u. a. in 31 Blättern mit Meyrinks „Golem“ beschäftigt.

Meyrink wurde 1868 als Sohn eines württembergischen Ministers und einer Hofschauspielerin geboren, studierte u. a. in Frag, wo er später als Bankier lebte. In seinem literarischen Werk mischen sich Phantastisch-Gespenstisches und schwermütige Visionen, gespeist aus den Lehren der Kabbala und des Buddhismus, zu dem er später übertrat. Ein Vorläufer Kafkas und Freund Kubins.

Im 1915 erschienenen Golem ersteht die legendäre Gestalt des Prager Homunculus, eines künstlichen Menschen, geschaffen im 17. Jahrhundert von Rabbi Löw. Das verfallene Frager Ghetto ist sein unheimlicher Schauplatz, der ebenso wie die dort lebenden Menschen Wirklichkeit voll ausstrahlender Hintergründigkeit wird. Ich zitiere einen kurzen Passus aus Meyrink:

„Oft träumte mir, ich hätte diese Häuser belauscht in ihrem spuk- haften Treiben und mit angstvollem Staunen erfahren, daß sie die heimlichen eigentlichen Herren der Gasse seien, sich ihres. Lebens und Fühlens entäußern und es. wieder an sich ziehen können – es tagsüber den Bewohner, die hier hausen, borgen, um es in kommender Nacht mit Wucherzinsen wieder zurückzufordern.“ Golem, S. 32 (Kap. Prag)

Was illustriert Rickert? Sie sehen die Blätter hier ausgestellt. Er schildert nicht Figuren und Szenen, die der Roman heraufbeschwören kann, wie es Hugo Steiner-Prag 1916 tat, er sieht das Frager Ghetto durch die Augen des Golem, mehr noch mit dem Bewußtsein des Erzählers. Rickert geht es nach seinen eigenen Worten um das „Veranschaulichen von Bewußtseinsdurchgängen und -erweiterungen im Golem“. Das entspricht den Bewußtseins- und Bildentwicklungen, die Rickerts Arbeitsprozesse auch dann durchlaufen, wenn er die Wirklichkeit nach ihren Hintergründen befragt, ohne an einen vorgeschriebenen, bzw.

vorgezeichneten Weg gebunden zu sein, den ein literarischer Text immer bedeutet. Nicht die äußere Gestalt des Golem und seiner Umwelt wird „illustriert“, sondern die sich im Bewußtsein des Golem widerspiegelnde Wirkung dieser Umwelt. Die Ausgangspunkte dieser Umwelt – das Frager Ghetto – bleiben in den Blättern dem Kenner des Romans und des historischen Stadtteils weitgehend erkennbar. Dargeste1lt werden jedoch die subjektiven Erfahrungswerte, die sie für Golem und Rickert haben, unter Verzicht auf konkrete Zitate der Romanfakten.

Damit erreicht Rickert eine sich vom Romantext verselbständigende bildkünstlerische Aussage. Hier gewinnt nicht nur – aber immer auch – Golems Angst vor der Lebensbewältigung Gestalt. Golem, der Homunculus, sollte sich nach dem Willen seines Schöpfers der Lebenswirklichkeit des verfallenden Frager Ghettos stellen, sobald den Juden Gefahr drohte. Golem sah sich also dem magischen Umraum dieses Frager Viertels ausgeliefert, Rickert hat zunächst konkret in Frag selbst und anhand von alten Dokumentationen versucht, diese Situation nachzuvollziehen. Aber auch da bleibt er nicht beim „Abbilden“ stehen. In den Blättern wird eine Erfahrung gestaltet, die hier nur ihren Ausgang nimmt, sich aber im Laufe der Arbeit aus- weitet, verallgemeinert wird, so daß jeder von uns, der zu einer „offenen“ Begegnung mit der Umwelt bereit ist, sie sich aneignen kann.

Die Kühnheit mancher Kompositionen, ihre Geschlossenheit und graphische Dichte, die räumliche Tiefe, die sie erreichen, erinnern – der Vergleich mag gewagt erscheinen – an Piranesis „Carceri“ (1744/45 in Venedig entstanden, als Piranesi ca. 24 Jahre alt war). Auch hier werden Schranken festgelegter Sehweisen durchbrochen. Piranesi verwandelt die vedutenhafte Theaterwelt des 18. Jahrhunderts in seinen „Carceri“ in visionäre Gegen bilder. Er entzog sich mit dieser subjektiven Darstellung der festliegenden Interpretation der damaligen Umwelt und wird so zum Vorläufer der Romantik, die dem Künstler als isoliertem Individuum Redefreiheit gibt.

Rickert möchte sich – mit einer gewissen Berechtigung – als Erben der Romantik sehen, wenn, nach seinen eigenen Worten – „Romantik zu begreifen ist als neues Sehen des Dazwischenliegenden und Dahintersteckenden.“

Das könnte in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts den Vorwurf des Traditionalismus beinhalten, wenn damit ein Eklektizismus der formalen Mittel einherginge. Rickert nutzt jedoch – bewußt oder unbewußt – die stilistischen Möglichkeiten, die erst unser Jahrhundert bereitgestellt hat, in durchaus individueller Weise und weist sich damit eindeutig als zeitgenössischen Graphiker der Generation der um 195O Geborenen aus. Kubistische, futuristische und expressionistische Gestaltungsmittel stehen ihm gleichermaßen zur Verfügung. Besonders die individuelle, ja besser noch subjektive Auseinandersetzung mit dem Material, das die Realität zur Verfügung stellt, verrät seine Generation. Wenn man ihn mit einer der bei Kunsthistorikern so beliebten Stilbezeichnungen belegen wollte, könnte man bei seinen Arbeiten von einem „analytischen Realismus“ sprechen.

Aber seine Arbeiten sollten für sich – ohne meine Hilfestellung – in die Bewußtseinswelt jedes einzelnen hineinwirken. Damit beweisen sie ihre Existenzberechtigung und die dieser Ausstellung.

Frankfurt, den 2.9.1981 Dr.Gisela Noehles

Malen ist ein echter Lustgewinn

Man kann ihn sich nur zu gut vorstellen. Ein handvoll Steinchen in der einen Hand, Leim, Kleber und tubenweise Ölfarbe in der anderen. Wenn Michael Rickert auf seine Leinwände losgeht, dann wird voller Schaffensfreude gematscht, gekleckert und geformt – mitunter erweist sich eine neue Versuchsanordnung als die pure Zerstörung.

Farben und unterschiedliche Materialien formen sich bereits zu einer Halbplastik, Hügel und Täler werden von bergeweise Kleber zusammengehalten, ein Meer aus Farbpigmenten. Zu guter letzt traktiert Rickert solch ein bizarres Gebilde nur zu gerne mit einem Heißluftgerät, bis daß Kleber und Farben Blasen schlagen oder es verdächtig zu rauchen und zu stinken beginnt. Verbrannte Finger sind dabei nicht auzuschließen, zumal Rickert vieles gerne dem Zufall überläßt und mitunter auch mit geschlossenen Augen arbeitet. „Ich muß immer wieder zupacken und eingreifen. Hände voller Farben und Brandwunden an den Fingern gehören eigentlich schon fast dazu.“ Rickert verfolgt hernach die zufälligen Veränderungen, Risse und Blasen mit Erstaunen und Freude, entdeckt im Detail überraschende Formen und Phantasiegestalten. „Es ist fast so als ob man in die Wolken schaut und dort Figuren, Fratzen und Gesichter entdeckt.“

Die jüngste Schaffensperiode zeigt sich als eine farbenprächtige Materialorgie, in der Bleistückchen, Holzstücke, Papierschnippsel, Steine und Sand virtuos verarbeitet werden. Die Arbeiten sind monochrom, jedes Bild ist ein Unikat und doch sind die Ähnlichkeiten der Motive unübersehbar. Das Thema seines aktuellen Schaffens- und Forschungsprozeßes: der weibliche Torso. „Ein Bild ist für mich der festgestellte Moment eines Prozesses“, sagt der Künstler und deutet auf eine Vielzahl von Versuchen und Annäherungen an das häufig immer gleiche Objekt. „Ich male seriell. Arbeite mich immer wieder an der gleichen Form ab, in mehrfachen Variationen.“ Dabei steht zur Zeit der weibliche Torso nurmehr zufällig im Mittelpunkt: „Das Modell oder der Gegenstand selber sind für mich der Anlaß zum Malen.“ In der nächsten Periode könnte es auch ein männlicher Torso sein. „Vielleicht finde ich ein gutes Modell mit einem knackigen Po“, sagt verschmitzt der Künstler.

Einzelne Schaffensperioden dauern mehrere Wochen, manchmal Monate an. Rickert setzt sich mit bestimmten grafischen Zeichen und Formen, der Dachkonstruktion einer münsterschen Kirche beispielsweise auseinander. Der Pinsel schwingt in ähnlichen Bewegungen. Die Tuschen stoßen aufeinander, Farben verändern sich, laufen ineinander, reagieren aufeinander. Pigmente haben sich herauskristallisiert. Spitzbübisch ist die Freude, die über sein Gesicht huscht. „Jedesmal wieder eine echte Überraschung.“

„Türkise Verführung“ nennt Rickert sein Bild, das er für die Menuekarte der Vinotheka 1999 im Hotel Krautkrämer bereitgestellt hat. Ein Torso – wie könnte es auch anders sein.

Michael Rickert ist ein vielseitiger Künstler. Produktiv, rastlos, umtriebig. Die Familie hat es längst aufgegeben, ihn in die Schranken zu verweisen. Die Arbeitsräume im Keller des Bungalows sind ein produktives Chaos. Bücher bis unter die Decke, Bilder, Zeitungsausrisse, Kleinode aus aller Herren Länder, Kunst und Kitsch und ein überbordender Schreibtisch. Für Frau und Kinder ist der Künstler im Haus oftmals eine rechte Plage, wie er freimütig einräumt. Immerhin hängt er mit Leidenschaft drei Professionen nach. Beileibe kein sorgsam geordneter Tagesablauf, sondern „volle Kanne und volles Rohr“, mal dies mal das: als passionierter Kunstlehrer am bischöflichen Kardinal-von-Galen-Gymnasium, mit Lustgewinn als Künstler und als Produzent mit einer eigener Filmproduktion. Spaß und Schaffensfreude stehen erklärtermaßen an erster Stelle. Es muß immer wieder eine Herausforderung sein. Rickert ist beständig auf der Suche, probiert Neues aus, neue Techniken und die Kombination von Farben und Materialien. Oftmals führt der Zufall die Hand, mit überraschendem Resultat. In solcherart suchendem testenden Vorgehen fühlt er sich vom großen Max Ernst inspiriert, mehr als von Picasso beispielsweise.

Michael Rickert wurde 1953 in Wimbern (Kreis Soest) geboren. Aufgewachsen ist er in Menden im Sauerland. Studiert hat Michael Rickert an der Kunstakademie Düsseldorf/Münster bei Norbert Tadeusz, Jochen Zellmann und in der Klasse von Scheel. Seit 1976 verschiedene Einzel- und Gruppenausstellungen in Galerien, Kunstvereinen, Museen. Einige seiner Werke hängen heute in Sammlungen, bekannten Galerien und Museen wie dem Westfälischen Landesmuseum und bei der Stadt Münster.

Dr. Jörg Bockow 1999

Räume öffnen

Angesichts der Vielzahl von Neugierigen und Interessenten, drängt sich mir doch die Idee auf, dass dieses Motto mindestens in einem doppelten Sinne zu verstehen ist. Denn neben dem zarten Hinweis darauf, wie die 20 Kunstwerke des Künstlers Michael Rickert möglicherweise zu lesen sind, möchte man fast schon von Platzangst geplagt gerne noch ein paar weitere Räume öffnen.

Aber, meine Damen und Herren, lassen Sie mich diesen Gedanken einfach fortsetzen und direkt auf diese Bilder und ihren Urheber, Michael Rickert, beziehen. Beschäftigen wir uns mit den Kunstwerken selbst, die – übrigens teilweise zum aller ersten Male – der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Denn einige Bilder sind erst in den letzten Wochen und Monaten entstanden. Sie sind buchstäblich in letzter Sekunde für diese Ausstellung fertig geworden. Die Farbe also gerade erst trocken.

Räume spielen in den Bildern des Münsteraners Michael Rickert eine bedeutsame Rolle. Das bevorzugte Farbspiel und das Farbspektrum reicht in vielen Abstufungen vom lichten Grün, über Türkisblau bis zum Dunkelblau. Wobei zumindest in einigen der hier gezeigten Bilder die dunklen Blautöne die Oberhand haben.

Blau, das steht wie wir aus Erfahrung wissen, für Tiefe. Blau erscheint uns das Meer, je tiefer der Grund unter uns liegt. Blau wölbt sich der Himmel über uns, in den wir bei strahlender Sonne so gerne blicken. Blau erscheint uns das bestirnte All, das uns umgibt. Der Kosmos. Die Unendlichkeit. Allein durch die Farbe Blau also eröffnen sich uns bereits neue Räume. Neue Dimensionen. Blau lässt uns tiefer blicken. Und dies ist vom Künstler durchaus in einem metaphysischen Sinne gemeint.

Die Kunstwerke fordern, jedenfalls da, wo sie abstrakt daherkommen, den Betrachter dazu auf, sich auf eine Forschungsreise zu begeben, gewissermaßen das Raumschiff seiner Fantasie zu besteigen und in den blauen Kosmos einzutauchen.

Die Fantasie hat es dabei eigentlich ganz einfach. Fast ist es so, als läge man entspannt auf einer Sommerwiese und blicke in den Himmel, um in den Wolkengebilden über einem verborgene Figuren, Tiere, Gesichter, Fabelwesen zu entdecken, die der „große Meister“ an sein Firmament gemalt hat.

In den Bildern eines Michael Rickert entdecken Sie auf eine ganz ähnliche Weise entlegene Sternensysteme, Planeten und geheimnisvolle Landschaften, Figuren, Zeichen, Chiffren, Fabelwesen und Gestalten. Und da diese Zeichen und Wesen vom Künstler nur mehr unbewusst hervorgebracht wurden, äußert sich auch hier so etwas wie die rätselhafte Handschrift des „Großen Meisters“. Am schönsten lässt sich dies übrigens an jenem Bild verdeutlichen, das Ihre Einladung geschmückt hat.

Ich empfehle Ihnen einmal genau dort auf eine Entdeckungsreise zu gehen. Treten Sie diesen Bildern näher, ja gehen Sie so nahe an sie heran, dass Sie fast mit der Nase deren Untergrund berühren. Sie werden sehen: Die besondere Machart dieser Bilder hat auf der Oberfläche Spuren hinterlassen. Beim näheren Hinsehen werden Sie auf wenigen Quadratzentimetern einen faszinierenden Mikrokosmos entdecken. Dieser Mikrokosmos ist genauso interessant, wie das Bild selber aus einer Distanz von einigen Metern betrachtet.

Das Gemisch aus Binderfarbe, Leim und Caparol – fragen Sie mich nicht, was genau alles vom Künstler in diesem geheimnisvollen Auftrag zusammen geschüttet, gebraut und verrührt worden ist – entwickelt bei näherer Betrachtung bizarre Formen und Strukturen, Landschaften voller Schluchten, Abgründe und Krater. Stellenweise weist der fingerdicke Auftrag die Oberfläche einer Borke auf. Er sieht aus wie eine aufgesprungene Baumrinde.

Nicht von ganz ungefähr wird man an solchen Stellen an eine unwirtliche Mondlandschaft erinnert, die vielleicht nach einem Eingriff von brachialer Gewalt zurückgeblieben ist.

Oder wenn Sie sich auf das Bild mit dem rätselhaften Titel „ES“ einlassen wollen, dann werden Sie dort vielleicht auch den Kopf eines Lebewesens identifizieren – es könnte ein Gnom oder gar ein Alien sein –, dessen unförmiger Schädel wie von einer Explosion geborsten geradewegs auseinander fliegt.

„Es muss richtig blubbern“, sagt Michael Rickert gerne, wenn er von seiner ganz speziellen Arbeitstechnik berichtet. Man kann davon ausgehen, dass mit dieser Technik wohl nur er seine Bilder einer seltsamen Metamorphose unterziehen und letztlich nach Wochen der Vorbereitung ihrer Vollendung zuführen dürfte.

Denn in seinem Atelier, indem übrigens sicherheitshalber immer ein Eimer mit Wasser, ein Eimer mit Sand und ein Feuerlöcher griffbereit stehen, rückt er seinen Bildern und dem vielschichtigen Farbauftrag ganz gerne mit einem Heißluftgebläse zu Leibe. Dieses pistolenartige Werkzeug erzeugt mittels einer Düse eine Art Höllenhitze. Dieses Werkzeug wird von Handwerker benutzt, die damit den alten Farbauftrag von hölzernen Fensterrahmen und Türen entfernen.

500 Grad heiße Luft wird dann auf das Bild gerichtet und zwar so lange bis sich die Farbe – von der Hitze gequält und gepeinigt – verändert, Blasen schlägt, aufquillt, blubbert, wieder zusammenfällt und – auch schon einmal in Flammen aufgeht. Wenn der Künstler bei seiner Arbeit nicht ständig präsent und voll konzentriert ist, brennt sich unversehens blitzschnell ein Loch hinein. Dann allerdings ist das Kunstwerk hinüber. Und die wochenlange Prozedur beginnt von neuem.

Die Bilder eines Michael Rickert sind selten nur einer einzelnen Technik zuzuordnen. Farbe und Pinsel alleine genügen ihnen jedenfalls nicht. Sie sind das Ergebnis eines mitunter langwierigen, mühevollen und zeitaufwendigen handwerklichen Prozesses. Bei diesem aufwendigen Prozess experimentiert der Künstler mit seinen Materialien wie ein Physiker und bringt dabei Techniken zusammen, die sich eigentlich überhaupt nicht vertragen.

In einer Reihe von Bildern, die hier ausgestellt sind, arbeitet Rickert beispielsweise mit der „Absprengtechnik“, bei der Tusche und Wasserfarben gezwungen werden, miteinander zu harmonieren. Was diese allerdings partout zu vermeiden suchen.

Was dabei alles neu entsteht, lässt sich mitunter erst dann erschließen, wenn man dem Kunstwerk einmal wieder ganz nahe tritt, vielleicht sogar eine Lupe auf die Oberfläche richtet.

Der Künstler selbst begeistert sich über die Stellen der Unvereinbarkeit, also über die winzigen Momente, wo die Farbe scheinbar angewidert von ihrem Untergrund herunterzuspringen droht wie eine Katze vom Dach. Rickert ist fasziniert von den Fluchtpunkten, die die Farbe hinterlässt, wenn sie denn von ihm aus einem Quast auf ein Blatt heruntergespritzt oder mittels eines Gebläses über das Blatt gejagt wird.

Der Reigen der 20 Kunstwerke, der hier gezeigt wird, umspannt ziemlich genau eine Dekade im Schaffen von Michael Rickert. Von 1996 bis 2006. Es umspannt zugleich eine Vielfalt von künstlerischen Techniken, Malweisen und Motiven, die den Künstler umtreiben und bewegen. Zu jedem Bild ließe sich Vieles erzählen. Arbeits- und Vorgehensweisen erklären.

Erlauben Sie mir wegen der fortgeschrittenen Zeit hier nur ein paar Hinweise. Einige Anregungen. Neben seiner unverkennbaren Vorliebe für das Abstrakte und das Experiment, sehen Sie unter den 20 Kunstwerken auch Beispiele einer figürlichen Phase. „Das Dorf im Grünen“ beispielsweise. Es ist ein einzelnes Blatt aus einer ganzen Serie. „Das Dorf im Grünen“ mutet wie eine Satire an. Der Künstler hat sich scheinbar die bunten Fremdenverkehrsprospekte aus dem nahen Sauerland vorgenommen und diese verfremdet.

Hinweisen möchte ich aber auch noch auf den Zyklus „Kirchturmspitzen und Kirchendächer“, von dem zwei Beispiele hier als eine Art Reminiszenz auf die tatsächlich vielgestaltigen Zipfelmützen und Kuppeln unserer Münsteraner Gotteshäuser zu sehen ist.

Mit diesem Zyklus hat der Künstler erst vor einiger Zeit einen großen Erfolg feiern können. Die Bilder sind ihm, kaum ausgestellt, buchstäblich aus der Hand gerissen worden.

Kirche und Kunst, das ist für Michael Rickert ganz naheliegend ein ganz besonderes Kapitel. Denn Michael Rickert ist nicht nur zu seinem Broterwerb Oberstudienrat am KVG, also am hiesigen Kardinal-von-Galen-Gymnasium. Ganz und gar auch sehr umtriebiger Lehrer unterrichtet er dort die Fächer: Erdkunde und selbstverständlich: Kunst.

Als Kunsthistoriker reflektiert er übrigens seine Bilder selber bis ins Detail, entdeckt bereits im Entstehungsprozess Anleihen bei den unterschiedlichsten Künstlern. Immer wieder verweist es ihn dabei auf sein großes Vorbild, den deutschen Surrealisten und Dadaisten Max Ernst. Dessen unbändige Lust am Experimentieren und Entdecken scheint Michael Rickert an vielen Stellen inspiriert und motiviert zu haben.

Als eine Art Hommage möchte man beispielsweise das von Rickert als „Merkbild“ bezeichnete blaue Bild dort drüben sehen. Auch das ist Teil einer Serie. „Merkbild“ heißt sie, weil ihr Untergrund ganz profan aus einer Hartfaser- oder Korkplatte besteht, die man daheim gerne auch als Pinwand benutzt., der Dadaist Kurt Schwitters mit seinen „Merzbildern“ lässt grüßen!
Der Künstler hat ganz ähnlich wie Max Ernst ebenso lustvoll wie akribisch eine Struktur herausgearbeitet. Diese Struktur regt bei näherem Hinsehen die Fantasie an, und sie erinnert einen durchaus an den „Großen Wald“ eines Max Ernst.

Michael Rickert wurde 1953 in Wimbern geboren. Aufgewachsen ist er in Menden. Sein Faible für die Kunst hat man ihm buchstäblich in die Wiege gelegt. Denn der Vater, Rektor einer Grundschule, war ein begeisterter Kunstsammler. Das Elternhaus war das reinste Museum. Michael Rickert erinnert sich: Petersburger Hängung. Nur so konnte man in einem kleinen, alten Haus mit immerhin 14 Zimmern der überbordenden Fülle gesammelter Kunstwerke eine angemessene Heimstatt bieten.

Studiert hat Michael Rickert an der Düsseldorfer Kunstakademie und zwar am Institut für Kunsterzieher in der Abteilung Münster. Seine Lehrer waren die weit über die Grenzen des Landes bekannten Künstler: Udo Scheel, Norbert Thadeusz und Jochen Zellmann. Diese Drei haben ganze Generationen von Künstlern auf den Weg gebracht.

Meine Damen und Herren: Über Michael Rickert zu sprechen, ohne dabei auch auf die Themen Fotografie und Film zu kommen, das wäre indes nur die halbe Wahrheit. Denn Michael Rickert ist ganz unzweifelhaft ein Multitalent, übrigens ganz abgesehen davon, dass er bei all seinen Talenten und Interessen auch noch eine Familie, also eine Frau und drei Söhne hat.

So sehr er als freischaffender Künstler die Wirklichkeit und ihr Abbild als Motiv für sein künstlerisches Schaffen zurückweist und sich beinahe ausschließlich mit dem Abstrakten beschäftigt, als Fotograf und Filmemacher bleibt er indes der Wirklichkeit verpflichtet.

Einst hat die Hamburger Illustrierte „Stern“ Fotos von ihm veröffentlicht. Und mit der von ihm angestoßenen und ins Leben gerufenen Filmwerkstatt, der „K-Film- und Fernsehproduktion“ werden bis heute Dokumentationen, Produktvideos und Industriefilme gedreht. Hatte er ursprünglich solche Streifen noch im 16mm-Format abgedreht, selbstverständlich als Autor, Regisseur, Kameramann und Cutter in Personalunion, so legt die neuerliche Verwertung im Fernsehen die Produktionsweise im professionellen TV-Format nahe.

Nimmt man alles, was Michael Rickert umtriebig und rastlos auf den Weg bringt, in den Blick, dann wird deutlich, dass das Gemeinsame aller Aktivitäten in dem simplen Begriff Gestaltung aufgehoben ist. Michael Rickert formt und gestaltet, aus Leidenschaft, ihn hält es selten ruhig auf einem Stuhl, wobei für ihn als Künstler der Prozess der Gestaltung selbst ganz offensichtlich im Mittelpunkt steht.

Fragt man den Künstler nach dem tieferen Sinn seiner Kreationen, nach einer Botschaft gar, dann erntet man höchstwahrscheinlich einen irritierten und ratlosen Blick. Rickert könnte mit Alfred Hitchcock, dem Meisterregisseur, auf die Frage nach der Botschaft in seinem Schaffen antworten: Mir macht meine Arbeit Spaß. Botschaften, die gehören auf die Post bitteschön.

Dr. Jörg Bockow 2006

Das Projekt „Stadtbild“

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – so heißt es im Volksmund, wenn Nachfahren sich in die Fußstapfen ihrer Eltern begeben, wenn sie Talente und Themen nutzen und weiterentwickeln, die ihnen quasi in die Wiege gelegt worden sind.

Ohne diese Anspielung und Metaphorik jetzt überstrapazieren zu wollen: Das neue Projekt des Münsteraner Künstlers Michael Rickert ist erklärtermaßen durch dessen Vater inspiriert worden. Denn der war einst ein anerkannter Stadtmaler und malender Chronist im sauerländischen Menden. Übrigens erst im letzten Jahr wurde, zehn Jahre nach dessen Tode, in Menden eine umfangreiche und zugleich viel beachtete Retrospektive gezeigt.

Michael Rickert beschäftigt sich als Künstler mit dem Thema Stadt seit rund 15 Jahren. Das Projekt „Stadtbild“, dessen Entwicklung und Höhepunkte hier heute zum allerersten Male öffentlich ausgestellt werden, geht zurück auf eine Idee, die ihm der Vater als Vorlage geliefert hat. Es ist ein Zyklus, mit dem er seinem Vater seine Reverenz erweist – bis hin zur Malweise und zum Stil, die bei den 12 Ölbildern, dem Höhepunkt des Projektes, zum Einsatz kommen. „Ich wollte unbedingt einmal so arbeiten, wie man in den 50er Jahren gemalt hat“, erklärt der Künstler.

Michael Rickert setzt sich in seinem Projekt „Stadtbild“ mit seiner Wahlheimat Münster auseinander. Hier hat er sich vor vielen Jahren niedergelassen, um hier zu arbeiten und mit seiner Familie zu leben. Ausgehend von der markanten Silhouette dieser Stadt, wenn man von Norden herkommen, auf sie zufährt, bildet Rickert das aktuelle Gesicht der Stadt Münster nach.

Das Projekt „Stadtbild“ hat sich in mehreren Schritten entwickelt. So sind Bilder und Druckgrafiken mit Münsteraner Kirchturmspitzen bereits Anfang der 90er entstanden. Sie fanden damals reißenden Absatz.

Ende der 90er gab es eine weitere Serie, in der Michael Rickert das Thema Kirchturmspitzen stilistisch weiterentwickelt hat. Das Projekt „Stadtbild“ gewann dann allerdings erst mit einer akribischen Bestandsaufnahme Kontur. Rickert dokumentierte sämtliche Kirchturmspitzen der Stadt.

Dafür konnte man Michael Rickert seit dem Jahr 2006 wiederholt mit einer Vespa durch Münster brausen sehen. Nur mit einer Digitalkamera bewaffnet, hielt er wiederum die Turmspitzen der hiesigen katholischen Gotteshäuser fest. 51 Aufnahmen sind dabei entstanden, die anschließend als Erinnerungsstütze und Vorlage für rein zeichnerisch gelöste Kompositionen dienten. Ein Teil dieser Fotografien sind hier in dieser Ausstellung zu sehen, ebenso die Miniaturen, mit der der Künstler schließlich sein eigenes und ganz persönliches „Stadtbild“ entwickelt hat.

Die sorgsam entwickelten Kompositionen wurden dann in diesem Jahr in großformatige Ölgemälde übertragen. Sie machen damit gewissermaßen die Essenz des Projektes „Stadtbild“ aus.

Meine Damen und Herren, Münster – das dürfte freilich niemanden von Ihnen hier mehr überraschen – wird von Michael Rickert durch eine Silhouette beschrieben, deren Kontur durch die Kirchturmspitzen, Dächer und hervorstechenden Zipfel der hiesigen katholischen Kirchen bestimmt ist. Diese Silhouette ist so markant und unverwechselbar wie ein menschlichen Antlitz. Deutlich aber auch ihre Botschaft: Münster, das ist die Stadt und das Gemeinwesen, das seit alters her durch Kirche und Klerus geformt wird.

Ohne jetzt Michael Rickert zum Parteigänger einer konservativen Lokalpolitik machen zu wollen, mit seinen Bildern steht die Frage im Raume: Wie anders wird sich dieses Stadtbild dereinst zeigen, wenn mit weiter um sich greifender Säkularisierung der Einfluss der Kirche in dieser Stadt schwinden wird? Noch sind die kirchlichen Artefakte unübersehbar, noch gehört das unüberhörbare Glockengeläut zu Münster wie der sprichwörtliche Regen. Aber wie lange noch, möchte man im Angesicht der „Stadtbilder“ mit Michael Rickert fragen.

Die Vorboten der Entwicklung sind längst sichtbar. Den Prozess aufzuhalten, erscheint wie der Kampf des Don Quichote gegen die Windmühlen. Von Norden auf die Stadt zufahrend, sehen wir im Hintergrund bereits den ebenso monströsen wie hässlichen Finger des Fernsehturms. In wenigen Jahren wird zweifellos das Stadtbild von Münster durch Hochhäuser a la York-Tower überformt, der gerade geplant und in Kürze trotz des Widerstandes der Nachbarschaft errichtet wird.

Die anstehende Veränderung der Silhouette von Münster geht einher mit einer Veränderung von Gesellschaft und Gesittung. Erste Gotteshäuser sind bereits verweltlicht. Auch in Münster. In anderen Städten beherbergen sie schon gemeindenahe Einrichtungen, Diskotheken, Einzelhandel und Bürogebäude. Der Wandel der alten Stadt ist nicht mehr aufzuhalten.

Noch sind die mehr als 50 Turmspitzen von St. Lamberti, Antoniuskirche, dem Dom und anderen unangefochten die höchsten Gebäude dieser Stadt, noch reichen allein ihre Finger in das Firmament und im übertragenen Sinne bis in den Himmel. Insofern ist der Maler des „Stadtbildes“ der Chronist der Zeitgeschichte.

Dass die Säkularisierung allerorten rasend schnell weiter schreitet, sieht man nicht zuletzt an den Skylines dieser Welt. In den Metropolen stecken nur noch Wolkenkratzer und die in Beton gegossenen Herrschaftssymbole der Konzerne und Banken provozierend ihre Finger in den Himmel. Insofern beinhaltet das Rickertsche „Stadtbild“ von Münster neben seiner konservativen Perspektive auch einen mahnenden Charakter. Münster erscheint so gesehen als krasses Gegenbild zu den Metropolen Frankfurt, New York und Dubai, wo die Kirchturmspitzen längst um ein Vielfaches von den omnipotenten Herrschaftssymbolen überragt werden. Noch ist das „Stadtbild“ von Münster: Beschaulich, beschützt und lebenswert.

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich nun noch mit einige Worten auf die handwerklichen Aspekte der Bilder eines Michael Rickert eingehen. Einige der hier ausgestellten Bilder sind erst in den letzten Wochen und Monaten entstanden. Sie sind buchstäblich in letzter Sekunde für diese Ausstellung vollendet geworden. Die Farbe der großformatigen Ölbilder beispielsweise musste in der warm-trockenen Luft des Heizungskeller geradezu zwangsweise getrocknet werden, damit sie überhaupt hier ausgestellt werden konnten.

Die Bilder eines Michael Rickert sind selten nur einer einzelnen Technik zuzuordnen. Farbe und Pinsel alleine genügen ihnen jedenfalls nicht. Sie sind das Ergebnis eines mitunter langwierigen, mühevollen und zeitaufwendigen handwerklichen Prozesses. Bei diesem Prozess experimentiert der Künstler mit seinen Materialien wie ein Physiker oder Alchemist und bringt dabei Techniken zusammen, die sich eigentlich überhaupt nicht vertragen.

Bei den 12 Hauptwerkes des Projektes „Stadtbilder“ hat sich der Künstler abermals auf ein solches Experiment eingelassen. Denn Rickert ist dafür bekannt, dass er zur Vollendung seiner Kunstwerke auch den Zufall bemüht. Hier setzt er auf das Überraschungsmoment, ganz ähnlich wie beim Bleigießen, wo man sich erst nachdem das Metall im eiskalten Wasser ausgehärtet ist über die bizarren Figuren als Ergebnis hermachen kann. So gesehen wird die enge Verbundenheit in Rickerts Werken zu seinem großen Vorbild Max Ernst deutlich, in den sogenannten „automatistischen Malprozssen“ des großen deutschen Dadaisten und Surrealisten.

Michael Rickert fordert in seiner Arbeit immer wieder mit geradezu anarchischer Lust heraus, dass sich die Materialien verändern, wobei aus einer metaphysischen Mitte der Schöpfer seine Finger im Spiel haben mag. Bei seinen früheren Arbeiten hat er beispielsweise Farben zusammen gebracht, die sich geradezu abstießen, er hat Farben mit Sand gemischt, um darüber zu einem Halbrelief zu kommen und er hat Hitze eingesetzt, um die Bilder einer unplanbaren Metamorphose auszusetzen.

Ich erinnere mich an Bilder, die mit einem pistolenartige Werkzeug, einem Heißluftgebläse, nachbehandelt wurden. 500 Grad heiße Luft wurde auf das Bild gerichtet und zwar so lange bis sich die Farbe – von der Hitze gequält und gepeinigt – verändert, Blasen schlägt, aufquillt, blubbert, wieder zusammenfällt und – auch schon einmal in Flammen aufgeht.

Meine Damen und Herren, bei seinem neuen Bilderreigen ist Rickert ganz anders, aber freilich nicht weniger brachial vorgegangen. Ich versuche den Prozess einmal kurz zu skizzieren: Nachdem die Ölbilder mit Spachteltechnik und einem immensen Einsatz von Ölfarbe, die fingerdick aufgetragen wird, vollendet sind, nimmt Rickert eine gleichgroße Leinwand, um diese eins zu eins auf das fertige Bild zu legen, zu pressen, festzuklopfen und festzustampfen, so als wolle er wie bei einem klassischen Druckverfahren eine Negativkopie von dem Ölbild herstellen.

Doch weit entfernt davon, damit eine exakte Kopie vom Ursprungsbild zu erhalten, ist hier der Zufall mit im Spiel: Die zentimeterdick aufgetragene Ölfarbe wird gequetscht, verbunden und vermischt, bis in einem ebenfalls brachialen Akt beide Leinwände gewaltsam wieder auseinander gerissen werden. Dabei wird die gerade erst gequetschte Farbe wie ein Kaugummi auseinander gezogen. Die Farbe reißt und bildet überraschende Texturen. Es richten sich unvorhersehbare, bizarre Farbgebirge auf. Zugleich hat das Original mit diesem Prozess seine ursprüngliche Klarheit und Präzision verloren und präsentiert sich als eine überraschende Abstraktion. Und die Kopie davon, die so genannte „Ziehebene“, erscheint wie eine weitere Abstraktion und eine erneute Verfremdung, in der man die ursprüngliche Darstellung nur mehr erahnt.

So wird die bekannte Konnotation des „Stadtbildes“ von Münster in einer Weise verfremdet, die einen neuen Blick auf die Wirklichkeit ermöglicht. „Kunst“, so sagt Michael Rickert, „bekommt die Chance und vermittelt die Chance, zu einer Art Bewusstseinserweiterung zu werden oder beizutragen. Unser Blick wird durch die Verfremdung geschärft für die wahren Zusammenhänge.“

Meine Damen und Herren, Kirche und Kunst und das „Vermitteln“ von Kunst, das sind für Michael Rickert ganz naheliegend Bereiche eines ganz besonderes Kapitels. Denn Michael Rickert ist Oberstudienrat am KVG, also am bischöflichen Kardinal-von-Galen-Gymnasium in Münster-Hiltrup. Er unterrichtet dort – wie man ihn kennt: leidenschaftlich! – die Fächer: Erdkunde und selbstverständlich: Kunst.

Als Kunsthistoriker reflektiert Michael Rickert seine Bilder selber bis ins Detail, zumal sich im Element der Zufalls überraschende Anleihen einstellen. Immer wieder verweist es ihn dabei auf seine großen Vorbilder, den deutschen Surrealisten und Dadaisten Max Ernst, aber auch auf Ernst Ludwig Kirchner, Wols und den großen Joseph Beuys.

Michael Rickert wurde 1953 in Wimbern geboren. Aufgewachsen ist er in Menden. Sein Faible für die Kunst hat man ihm buchstäblich in die Wiege gelegt. Denn der Vater, Rektor einer Grundschule, war ein begeisterter Kunstsammler. Das Elternhaus war das reinste Museum. Michael Rickert erinnert sich an die Petersburger Hängung. Also Bilder vom Boden bis zur Decke. Nur so konnte man trotz eines kleinen, alten Hauses mit immerhin 14 Zimmern der überbordenden Fülle gesammelter Kunstwerke eine angemessene Heimstatt bieten.

Studiert hat Rickert an der Düsseldorfer Kunstakademie und zwar am Institut für Kunsterzieher in der Abteilung Münster. Seine Lehrer waren die weit über die Gren-zen des Landes bekannten Künstler: Udo Scheel, Norbert Thadeusz und Jochen Zellmann. Sie haben ganze Generationen von Künstlern auf den Weg gebracht.

Meine Damen und Herren: Über Michael Rickert zu sprechen, ohne dabei auch auf die Themen Fotografie und Film zu kommen, das wäre indes nur die halbe Wahrheit. Denn Michael Rickert ist ganz unzweifelhaft ein Multitalent, übrigens ganz abgesehen davon, dass er bei all seinen Talenten und Interessen auch noch eine Familie, also eine Frau und drei Söhne hat.

Einst hat die Hamburger Illustrierte „Stern“ Fotos von ihm veröffentlicht. Und in seinem früheren Film- und Fernsehstudio sind zahlreiche Kurzfilme und Dokumentationen entstanden. Inzwischen liegt der Schwerpunkt seines Wirkens zweifellos bei den bildnerischen Arbeiten. Nimmt man alles, was Michael Rickert umtriebig und rastlos auf den Weg bringt, in den Blick, dann wird deutlich, dass das Gemeinsame aller Aktivitäten in dem simplen Begriff Gestaltung aufgehoben ist. Michael Rickert formt und gestaltet, aus Leidenschaft, ihn hält es selten ruhig auf einem Stuhl, wobei für ihn als Künstler der Prozess der Gestaltung selbst ganz offensichtlich im Mittelpunkt steht.

Fragt man den Künstler nach dem tieferen Sinn seiner Arbeiten, nach einer Botschaft gar, dann erntet man höchstwahrscheinlich einen irritierten und ratlosen Blick. Kunst ist eine Entdeckungsreise. Das ist die Überzeugung des Künstlers Michael Rickert. Darauf ist er neugierig. Darauf können auch Sie nun neugierig sein.

Dr. Jörg Bockow 2008

Durchdringung der Kunst

Michael Rickert ist Künstler mit Leib und Seele. Mit nunmehr 55 Jahren ist er im besten Schaffensalter. Von Geburt an ist er bewusst Westfale, aufgewachsen in Menden im Sauerland ist Rickert seit drei Dekaden Münsteraner. Bereits in der zweiten Generation ist Michael Rickert Künstler, denn insbesondere die Malerei ist ihm bereits aus dem Elternhaus vertraut. Diese Tradition hat Michael Rickert in seine Wahlheimat mitgenommen, ein nicht unerheblicher Teil seines Schaffens setzt sich auch mit der Stadt Münster auseinander.
Exemplarisch anführen lässt sich hierfür sein gerade zum Jahreswechsel abgeschlossenes Projekt „Stadtbild“. Wie kaum eine andere Metropole wird Münsters Silhouette weithin sichtbar von seinen Kirchtürmen geprägt. In der von den Klerikalmonumenten geprägten Domstadt ragen mehr als 50 als höchste Gebäude in den ansonsten hochhausarmen Himmel. Auf dieses charakteristische Merkmal kondensiert Rickert sein Stadtbild und macht so Münster zur Stadt der Kirchen. Innerhalb der Thematik offenbart sich, dass die Bilder eines Michael Rickert nur selten einer einzelnen Technik zuzuordnen sind, ein Attribut dass umso mehr für sein Gesamtwerk gilt.

Ein Teil der Stadtbilder entstand auf Papier, wo die auf linienhaften Umrisse reduzierten münsterscher Kirchtürme zur raumfüllenden Darstellung ausgearbeitet wurden. Neben der Idee verdient die technische Ausgestaltung der Bilder besondere Beachtung. Bei einem großen Teil der Bilder, die sich zu einer Serie zusammenfügen, werden Farben, die sich natürlich nicht mischen, sondern voneinander chemisch und physikalisch isolieren, gleichzeitig verwendet. Bei dieser, dem dripping paint nach Pollock entlehnten Technik erfolgt der Farbauftrag durch Klecksen oder Dülpen mit dem Ziegenhaarpinsel. Durch die Absprengtechnik werden abwechselnd Tuschen und Wasserfarben aufgetragen und sofort noch dem Trocknen oder Einziehen mit dem Quast oder gar einem Gebläse verteilt. Dabei scheut der Maler sich auch nicht davor, Bilder einer früheren Schaffensphase zu überarbeiten – ohne freilich deren ursprünglichen Charakter zu verleugnen. Die zugrunde liegenden Arbeiten entstanden bereits in den späten 90ern und belegen die Wurzeln Rickerts als Grafiker.

Für weitere Stadtbilder nutzt Michael Rickert eine völlig andere Darstellungsweise und Technik. Mit dem Spachtel werden zunächst Ölfarben extrem dick auf Leinwand aufgetragen, wobei die Motivkonturen rasterartig generalisiert werden. Im noch feuchten Zustand presst der Künstler eine zweite Leinwand unter hohem Druck auf. Beim anschließenden Abziehen derselben entsteht eine Art Negativ. Nachvollziehbarerweise geht diese Prozedur einher mit einer tiefgreifenden Neuformierung der ursprünglichen Umrisse. Der quetschende Druck und das Auseinanderreißen bildet überraschende, nicht vorhersehbare, teilweise ins Relief mutierende Konturen unter Beibehaltung im Gesamtkontext des ursprünglichen Bildaufbaus, dem bei Berücksichtigung des Ausgangssujets etwas Bizarres anhaftet. Hier standen die Ideen des frühen Paul Klee als Inspiration im Raum, die sich besonders an der Auflösung der dargestellten Objekte in abgrenzbare Felder erkennen lassen, die bei Klee deutlich als Raster abgegrenzt sind.
Ein weiterer Künstler (der wohl für ihn wichtigste in seiner Beeinflussung) ist Max Ernst, von dem er das Prinzip übernimmt, dass im Schaffen eines Werkes der geplante Zufall elementare Grundlage allen künstlerischen Schaffens ist. Die vorgehend beschriebenen Techniken machen dies deutlich. Für diesen Zufall bemüht Michael Rickert dabei immer wieder ansatzweise die dritten Dimension. Mit verschiedensten Mitteln erzeugt er reliefartige Strukturen, indem er Farben beispielsweise mit Sand mischt oder auch Materialien wie Papier, Holzsplitter oder Bleitrümmer auf den Untergrund fallen lässt. Dieser kann neben einer Leinwand beispielsweise auch aus Hartfaserplatten bestehen.

Wiederholte Metamorphosen in der Entstehung machen Bilder bei einer seiner Lieblingstechniken mit. Zu Beginn entsteht eine strukturierte Oberfläche aus dicker Binderfarbe, die dann mit einer bis zu 500°C erzeugenden Heißluftpistole bearbeitet wird. Der unmittelbare Einfluss der Hitze lässt die dicken Schichten aufquellen und teilweise wieder flüssig werden. Durch wiederholte Zyklen von Verfließen über Blasenbildung bis zum erneuten Aushärten entstehen immer neue Formen und Konturen. Dabei kombinieren sich Zufall und gezieltes Eingreifen zu einem endgültigen Ganzen. Die Arbeit erfordert immer hohe Präsenz, denn der Schaffensprozess vollzieht sich stets am Rande der Zerstörung durch die verzehrende Hitze. Zur Pointierung eines räumlichen Eindrucks wird zumeist nur ein Teil der Leinwand derart malträtiert. Das Ergebnis verbindet ungestüm Urwüchsiges mit auffallend filigranem, fast leichtem Schwung.

Bearbeitung und Verteilung der Binderfarbe stehen im unmittelbaren Kontext zur Farbgebung. Rickert verwendet hier – wie in seinen gesamten Arbeiten – bevorzugt Gelb und Blau. Im Farbwechsel zwischen diesen beiden Grundtönen schaut der Maler, was dazwischen passiert. Obgleich diese Kombinationen die Grundvorrausetzung für das lebensbejahende Grün und eher mit hellen Tönen assoziiert sind, mischt Rickert sie bevorzugt im dunklen Bereich. Mitunter entsteht ein Eindruck morbider Einschläge, die mit dem Einsatz der versengenden Kraft der heißen Luft stellenweise beabsichtigt hervorgehoben werden, ohne dass dem Gesamtwerk ein düsterer Charakter zufallen würde. Besonders zeigt Michael Rickert dies bei seinen raren Stillleben, in den sich seine Vorstellung der Gegenständlichkeit auch mit der Verwendung des bevorzugten Preußischblau zu einer raumgreifenden Weite verbindet.

Durch seine Profession als Kunsterzieher an einem katholischen Gymnasium im bischöflichen Dienst ist bei Michael Rickert die Verzahnung von Kunst und Kirche nicht ungewöhnlich. Eine christliche Thematik ist für ihn zwar nicht zwangsläufig aber auch nicht befremdlich. Neben dem Stadtbild-Projekt zeigt sich dies bei Auftragsarbeiten für das hiesige Bistum und das Erzbistum Paderborn, die nachgerade prädestiniert sind für seine Herangehensweise und unaufdringliche Farbharmonie. Zwei Quadriptycha mit dem Freiraum als Kreuzsymbol stellen so mobile Altarbilder dar. Die im wiederholten Grenzbereich von Fest und Flüssig noch im vollendeten Werk unfertig erscheinenden Formen stehen dafür, dass sich Leben und Glauben nicht in erkennbare Gestalten fangen lassen. Die Darstellungen der Elemente als Grundlage werden durch Metaphoriken wie Gelb als Licht, Grün für den Lebenszyklus, Weiß für den Wind und Blau für unendlichen Raum in diesen Gemälden zusammengenommen.

Insbesondere durch die Verteilung der Reliefstrukturen erzeugen die Bilderensemble Eindrücke von Weite und Tiefe des Lebens und Glaubens. Bewusst ist keine Zuordnung von oben und unten, links oder rechts vorgegeben, so dass ein weiterer Einfluss des Zufalls beim jeweiligen Neuaufbau nicht nur zugelassen, sondern mit den über Tausend Möglichkeiten neuer Bildzusammenhänge gewünscht wird.

Neben den unterschiedlichen Techniken erweist sich Rickert auch thematisch als vielseitig, wobei ein Eindruck von Surrealität zu erkennen ist. Die Unschärfe wird gekonnt als Mittel eingesetzt, den Betrachter zu fordern. In der Durchdringung der Kunst wird in der scheinbaren Unordnung das Wichtige isoliert. Farbe und Pinsel stellen dabei nur ein Element in einem langwierigen buchstäblich vielschichtigen Werkprozess dar, an deren Ende der Produzent des Kunstwerks im Idealfall ebenso so überrascht vom Ergebnis sein wird wie der Rezipient. Eine vollständige Trennung vom Gegenstand ergibt sich in seinem Werk jedoch nicht, genauer: Alles beginnt wie auch immer mit dem Gegenstand. Der aber wird einem Prozess der Veränderung unterworfen ohne Rücksicht auf seine vormalige Form. Auf einen Nenner gebracht ist somit das Werk Michel Rickerts expressiv, ohne völlig abstrakt zu sein.

Als Kunsterzieher im bischöflichen Dienst, also Beamter in Sachen Kunst, sieht sich Michael Rickert im besten Sinn als Amateur, als Liebhaber der Kunst, zum Einen weil er ständig mit Kunst zu tun hat, ohne zum Andern direkt vom Verkauf seiner Werke leben zu müssen. Weil ihn ähnlich Max Ernst die Lust am Sehen als Triebfeder leitet, weiß er sehr wohl mit und in der Kunst zu leben. Obwohl Malen so gesehen als Liebhaberei im Vordergrund steht, so ist sein Anspruch an das, was er tut, absolut professionell, nicht zuletzt auch die Präsentation in Ausstellungen und Galerien.

Rickert hat Bildende Kunst gelernt im Studium am Institut für Kunsterzieher der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf in Münster/Westfalen als Schüler so bekannter Maler und Grafiker wie Udo Scheel, Norbert Tadeusz oder Jochen Zellmann.

Bodo Wistinghausen 2009

Als wenn man das erste Mal sehen würde

Es soll Künstler geben, die ihre liebe Mühe haben, die kahlen Wände ihres Galeristen zu füllen. Bei Michael Rickert erleben wir das krasse Gegenteil. Der Künstler hat Mühe, der Fülle Herr zu werden.

Denn hier verbleiben tatsächlich nur wenige Zentimeter Platz zwischen den Bildern. Und manches Thema ist in drei Reihen übereinander platziert. Zudem findet die Werkschau in mehreren Etappen und gleichzeitig an verschiedenen Orten hier im Stadtteil Hiltrup statt. Ein ungewöhnliches Vorgehen, das prächtig zu der Umtriebigkeit unseres Protagonisten passt.

„Michael Rickert – Kunst – VorOrt“ ist ein Ausstellungsreigen, der einem Ordnungsprinzip folgt, welches der überbordenden Fülle und der Vielseitigkeit des Materials geschuldet ist, das hier in dieser Form erstmals das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Dabei bietet diese Retrospektive recht eigentlich nur einen flüchtigen, geradezu oberflächlichen Streifzug durch das Schaffen des Michael Rickert.

Mehr als 2.000 Arbeiten warten noch im Archiv des Künstlers auf ihre Entdeckung. Eine ungezählte, gleichwohl große Anzahl von Kunstwerken ist vor einigen Jahren bei einem verheerenden Hausbrand ein Opfer der Flammen geworden oder ist nicht zuletzt damals durch das Löschwasser unrettbar ruiniert worden.

Meine Damen und Herren, ich habe die Freude und die Ehre, Sie im Hiltruper Museum ganz herzlich willkommen zu heißen. Wir eröffnen hier im ehemaligen Spritzenhaus die erste Retrospektive des Münsteraner Künstlers Michael Rickert.

Wenn wir uns hier einmal umblicken, dann sehen wir 112 Arbeiten, geordnet nach den Stichworten: Zeichnung, Farbgrafik, Druckgrafik und Fotografie. Parallel können Sie ab morgen in der Galerie im Alten Dorf Papierarbeiten bewundern, ab dem 25. September wird die Malerei bis zur Jahrtausendwende gezeigt und ab dem 15. Januar des kommenden Jahres werden in der Galerie des Best Western Premier Hotel Krautkrämer Gemälde aus den vergangenen Jahren ausgestellt. Die dabei gezeigten Arbeiten stammen aus einer Zeitspanne von rund 40 Jahren.

Ein erster flüchtiger Blick in dieser Ausstellung hinterlässt zunächst einmal eine gewisse Ratlosigkeit: Rickert scheint keinem Stil besonders verpflichtet. Er springt ebenso rastlos wie virtuos von einer Technik zur nächsten. Hier sehen Sie filigrane Zeichnungen mit Bleistift oder Kohle, dort mit Tusche. Diese Vielseitigkeit ist schwindelerregend: Druckgrafiken unterschiedlichster Formen und Formate, bis an die Grenzen der Machbarkeit, Radierungen, Linol- und Holzschnitte, Aquarelle, Ölgemälde, Bilder in Mischtechnik, dann Fotografie und schließlich sogar Film. So äußert sich, meine Damen und Herren: ein Multitalent.

Michael Rickert ist – salopp gesprochen – ein künstlerischer Tausendsassa, der er genießt, spielerisch mit Techniken und Material herumzuexperimentieren, immer auf der Suche nach neuen Zusammenhängen, neuen Strukturen und nach neuem Sinn. Solch eine Arbeitsweise kennt nicht viele Vorbilder: Max Ernst wäre da zu nennen oder auch Joseph Beuys. Beide gehören zu den Künstlern, die Michael Rickert gerne als seine wichtigsten Mentoren zitiert.

Darüber hinaus könnte die Bandbreite der Themen und Sujets, mit denen sich der Künstler inhaltlich beschäftigt hat, kaum größer sein: Wir sehen sauber ausgearbeitete Detail-Studien, impressionistische Landschaften, sachliche Aktstudien, abstrakte Arbeiten und formale Studien und schließlich Fotografien, die mit einer Groß- oder Mittelformatkamera aufgenommen wurden.

Wenn wir uns dem rein Handwerklichen zuwenden, dann müssen wir staunend konstatieren, Michael Rickert hat sein Handwerkszeug voll drauf, was auch immer er anfasst. Gelernt ist gelernt. Und man spürt durch die vielen Bilder hindurch eine ungestüme, ungebändigte Lust am Experiment.

Ein Teil der hier ausgestellten Arbeiten stammt aus der Anfangszeit des Künstlers. Und vergleicht man diese mit den Arbeiten, die heute von Studenten der Kunstakademien erbracht werden, so sind sie beeindruckend und wohltuend handwerklich begründet. Man möchte fast sagen: old fashioned.

Künstler heute verwirklichen sich in Projekten und fixen Ideen, von denen einige auch der Verrücktheit und Laune eines feucht-fröhlichen Gelages entsprungen zu sein scheinen. Wer von den angehenden Künstlerkollegen malt oder zeichnet heute denn noch?! Der Computer, intelligente Software und Grafikprogramme übernehmen diese Arbeit. Wer bitteschön braucht noch Bleistift oder Pinsel, wenn es doch Photoshop von Adobe gibt?!

Michael Rickert hat von Anfang an gezeichnet und gemalt, gewissermaßen so wie es die alten Meister vorexerziert haben. Und er hat jede der Techniken zu einer gewissen Vollkommenheit getrieben und dabei Fertigkeiten erarbeitet, auf die er bis heute virtuos zurückgreifen kann. Sehen Sie sich einmal die Arbeiten aus seinen Anfängen an und vergleichen Sie diese beispielsweise mit den Miniaturen und Stadtbildstudien, die hier ebenfalls ausgestellt sind.

Der Künstler ist biografisch vorbelastet: Michael Rickert wurde 1953 in Wimbern geboren. Die Auseinandersetzung mit der Kunst ist ihm durch die Eltern in die Wiege gelegt. Der Vater, Rektor einer Grundschule, war ein begeisterter Kunstsammler. Das Elternhaus war das reinste Museum.

Michael Rickert erinnert sich an die Petersburger Hängung. Also Bilder vom Boden bis zur Decke. Nur so konnte man trotz eines Heimes mit immerhin 14 Zimmern der überbordenden Fülle gesammelter Kunstwerke eine angemessene Plattform bieten. Zugleich war der Vater ein anerkannter Stadt- und Landschaftsmaler. Michael Rickert ist mit seinen Münsteraner Stadtbildern und seinen Arbeiten als Chronist gewissermaßen in die Fußstapfen seines Vaters getreten.

Meine Damen und Herren, Michael Rickert organisiert seine Arbeit in thematischen Projekten oder in handwerklich-künstlerischen Zyklen. Die große Zahl der Projekte ist thematisch mit Westfalen und dem Sauerland, mit Menden und nicht zuletzt mit seiner Wahlheimat Münster verknüpft.

Der Künstler bezeichnet sich daher selbst, übrigens nicht ohne einen gewissen Stolz, als ein Westfale. Dies markiert eine Positionsbestimmung, die gepaart ist mit seiner sauerländischen Herkunft und die neben einer großen Bodenständigkeit auch mit einer gehörigen Portion Sturheit und Zähigkeit verknüpft ist. Wenn sich der Künstler Michael Rickert eine Idee zu Eigen gemacht hat, dann verfolgt er diese mit einer beeindruckenden Beharrlichkeit. Ja, Widerstände, die ihm andere entgegenwerfen oder die ihm das Material entgegenbringen, sind geradezu Argumente für ein trotziges: „Jetzt erst Recht!“

Mitunter gipfelt die künstlerische Auseinandersetzung mit Farbe, Material und Technik in einem großen Staunen. Denn bei diesem Prozess experimentiert der Künstler mit seinen Materialien wie ein Physiker oder Alchemist. Mit anarchischer Vorliebe bringt er Materialien zusammen, die sich eigentlich überhaupt nicht vertragen. Dem Künstler geht es dabei nicht so sehr um die Oberfläche des Gezeigten oder Abgebildeten, sondern ihm geht es um pure Metaphysik. Hinter den Strukturen offenbart sich ihm so etwas wie die göttliche Vorsehung. Die gilt es zu entdecken und zu entschlüsseln.

Ich möchte dazu ihren Blick einmal auf die hier ausgestellten Fotostudien lenken. Es sind dies vier verschiedene Projekte, die zwischen 1970 und 1980 entstanden sind. Da sehen wir nächtliche Momentaufnahmen aus Venedig. Stimmungsvoll und spannend. Es könnten dies auch Standbilder für einen Spielfilm sein, womit zugleich ein Brückenschlag zu den Arbeiten von Michael Rickert als Regisseur und Kameramann geschlagen ist. Vielleicht sind es Setaufnahmen zu einem Film von Hitchcock, vielleicht von Luchino Visconti. In ihnen ist die Zeit festgestellt, aber so, als wenn die Hauptperson gerade erst um die Ecke gebogen und aus dem Szene verschwunden ist.

Dann sehen wir eine Dokumentation, die im Jahr 1983 im leergezogenen Hiltruper Kloster entstanden ist. Über mehrere Wochen hat sich Michael Rickert dort mit der seiner 6×6-Kamera umgetan. Es sind dies keine Schnappschüsse, sondern sorgsam komponierte Aufnahmen. Fotografisch festgehalten, ganz klassisch noch mit brillantem Diamaterial, sind dort Hinterlassenschaften und Fundstücke, Reste und Überbleibsel der Patres, die hier einst gewohnt, gebetet und gearbeitet haben. Der Ort ist inzwischen säkularisiert. Der Heilige Geist ist längst aus den Gemäuern entschwunden wie in den Überresten einer Kapelle, die im entzauberten Zustand ihre ganze architektonische Willkür und ihre Tristesse offenbart.

Oder sehen sie sich einmal den Blütenstaub auf der Oberfläche des Hiltruper Baches oder das verseuchte Brackwasser des einst so idyllischen Silbersees an. Der Blütenstaub ist vom Zufall auf das Wasser getrieben und ergibt Strukturen, auf die ein Künstler kaum mehr selber kommen könnte. Flüchtig, veränderlich, beweglich und daher nur durch den Schuss des Fotografen sichtbar gemacht, wie alles, was sich unter der Oberfläche durch den Blick des Fotografen ins Bewusstsein gehoben wird. Nichts davon ist gestellt. Es ist entdeckt aus der Fülle der Wirklichkeit, die an uns ansonsten nur so vorüberrauschen würde.

Michael Rickert ist dafür bekannt, dass er gerne den Zufall als Komplizen nutzt. Der künstlerische Prozess ist so gesehen eine fortwährende Entdeckungsreise. Am deutlichsten wird dies, wenn er das Zwischenergebnis einer martialischen Transformation aussetzt, wie er das gerne in den letzten Jahren getan hat. Dabei setzt er auf das Überraschungsmoment, ganz ähnlich wie beim Bleigießen, wo man sich erst nachdem das Metall im eiskalten Wasser ausgehärtet ist über die bizarren Figuren als Ergebnis hermachen kann.

Michael Rickert fordert in seiner Arbeit immer wieder mit geradezu anarchischer Lust heraus, dass sich die Materialien verändern, wobei immer wieder aus einer metaphysischen Mitte der Schöpfer seine Finger im Spiel zu haben scheint. Bei seinen früheren Arbeiten hat er beispielsweise Farben zusammen gebracht, die sich geradezu abstießen, er hat Farben mit Sand gemischt, um darüber zu einem Halbrelief zu kommen und er hat sie Hitze eingesetzt, um die Bilder einer unplanbaren Metamorphose auszusetzen.

Ich erinnere mich an Bilder, die mit einem pistolenartige Werkzeug, einem Heißluftgebläse, nachbehandelt wurden. 500 Grad heiße Luft wurde auf das Bild gerichtet und zwar so lange bis sich die Farbe – von der Hitze gequält und gepeinigt – verändert, Blasen schlägt, aufquillt, blubbert, wieder zusammenfällt und – auch schon einmal in Flammen aufgeht.

Als Kunsthistoriker reflektiert Michael Rickert seine Bilder selber bis ins Detail, zumal sich im Element des Zufalls überraschende Anleihen einstellen. Immer wieder verweist es ihn dabei auf seine großen Vorbilder, den deutschen Surrealisten und Dadaisten Max Ernst, aber auch auf Ernst Ludwig Kirchner, Wols und den großen Joseph Beuys.

Michael Rickert hat an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert und zwar am Institut für Kunsterzieher in der Abteilung Münster. Seine Lehrer waren die weit über die Grenzen des Landes bekannten Künstler: Udo Scheel, Norbert Tadeusz und Jochen Zellmann. Sie haben ganze Generationen von Künstlern auf den Weg gebracht und ihnen Mut gemacht, ihren ganz eigenen Weg zu suchen. Wie Michael Rickert.

Fragt man Michael Rickert nach dem Antrieb für seine Arbeit, dann ist es der künstlerische Prozess selber, der ihn motiviert und immer wieder zu neuen Experimenten reizt. Rickert geht selten einen Weg zum zweiten Mal.

Er wechselt die Methode, die Technik und die Sujets – immer auf der Suche nach neuen Sichtweisen und neuen Strukturen. Das ist die Überzeugung des Künstlers Michael Rickert: „Mach im schöpferischen Prozess Deine Augen offen, als würdest Du zum ersten Male sehen!“

Unter diesem Credo kann ich mir kaum ein besseres Motiv vorstellen, dass bei Michal Rickert das Schaffen als Künstler und seine Berufung als Kunstlehrer vereinigt, befruchtet und vorantreibt – ohne es indes zu nivellieren. Kunst ist und bleibt sein Lebenselexier. Herzlichen Dank!

Dr. Jörg Bockow 11. September 2009

K wie Kunst

Als Nicht-Fachmann sich auf dieses Terrain „Kunst“ zu begeben, das schlüpfriger nicht sein kann, hat mir außerordentlich widerstrebt.

Nur ein Umstand hat mich dann doch bewogen, mich hier zu äußern: Männerfreundschaft! Ich bin Michaels ältester Freund, wir kennen uns seit 1969, und das, obwohl wir von zwei „konkurrierenden“ Gymnasien kamen, er vom Spiritaner-Gymnasium auf dem Berg, ich vom städtischen Gymnasium im Tal.

Dass es zu dieser Freundschaft kam, dass sie so lange gehalten hat, hat mit unserem Grundverständnis von Freundschaft zu tun – nicht zuletzt bin ich ja, wie zu sehen, hier. Michael Rickert hat Männerfreundschaften zeitlebens immer intensiv gepflegt. Ich als ältester zähle immerhin zu den „Drei Ältesten“, alle in sehr unterschiedlichen Berufen. Rolf ist Berufspolitiker, Jupp ist ihm als einziger art-verwandt (er ist an der Kunstakademie Münster), ich bin Journalist; persönlich sind wir so unterschiedlich wie man nur sein kann, aber alle sind wir drei im engeren Sinne „öffentlich“. Und auch das hat unmittelbar mit diesem Menschen Michael Rickert zu tun.

Er ist vom Sternzeichen Zwilling; man muss dazu nicht viel sagen, gerade das Negative dieses Personenkreises soll hier unerwähnt bleiben. Allerdings sind dieses Rastlose, dieses Umtriebige, dieses Auf-unterschiedlichen-Hochzeiten-tanzen, diese Neugier, diese Suche nach Anderem und diese manchmal nervige Eloquenz bestimmend.

Apropos: „bestimmend“.
Wenn denn Michael Rickert in seinem Leben etwas bestimmen, dann sind es die „K“s.

Was ist aktuell (September 2009) für mich als Journalisten wichtiger als die K-Frage?

Und so gehe ich denn her gleich mehreren K-Fragen nach.

K wie „Küche“.
Michaels Mutter war eine begnadete Köchin, Sauerländer Schwerkost, aber Spitzenklasse. Michael Rickert selbst ist in ihre Fußstapfen getreten, als Koch ist er prima, er verwöhnt zusammen mit seiner Frau die nicht seltenen Gäste, seine Jungs natürlich auch.

Entscheidender Unterschied zur Küche seiner Mutter: Sie ist leichter, weniger kalorienreich, obwohl man es ihm nicht immer ansieht!

K wie „Kirche“.
Ich als Protestant habe in diesem Elternhaus Michaels immer den Katholizismus gerochen – nicht den Schwefelgeruch, wohlgemerkt! Aber für mich war das dann doch etwas Besonderes, weil anders. Allerdings brauche ich nicht zu sagen, dass in der Kulturrevolution der 68er Michaels Integration in die Messdiener-Runde und den „Bund Neu-Deutschland“, einer katholischen Jugendbewegung für Gymnasiasten, damals ein wenig litt.
Gleichwohl ist dieses Katholisch-Sein, so muss man es wohl sagen, lebensprägend für Michael Rickert geblieben. Dazu ein Bonmot: Etwas später am Abend bei Rickerts, zur vorgerückter Stunde also, ob man es hören will oder nicht, kommt irgendwann dann Michaels Hinweis darauf, dass die Rickerts um 1575 aus dem Raum Berlin ins kurkölnische Sauerland vor dem Zwangsprotestantismus geflohen sind. Spätestens dann weiß man wieder, was man vorher schon wusste!

Als es nach der Referendarzeit 1982 zur Überlegung kam, was denn nun die Schule ist, die für die künftige Lehrertätigkeit ansteht, war das Auswahl-Kriterium (und Michael hatte damals eine ganze Reihe von Schulen, die ihm eine Planstelle anboten – auch hier in Münster), dass es eine katholische Schule sein musste. So kam er hier ans Kardinal-von-Galen-Gymnasium.

Diese Nähe zur Kirche ist für ihn bis heute etwas Selbstverständliches. Einmal abgesehen von seinem ehrenamtlichen Engagement in seiner Gemeinde ist auch künstlerisch diese Nähe immer wieder zu sehen.
Da ist die Ausstellung im Rahmen des Stadtjubiläums Münsters 1993, die im Kreuzgang der Hiltruper Missionare stattfand. Gezeigt wurden damals Entwürfe für den Altarraum einer Kirche, in denen er die Formsprache Paul Cézannes in die Gestaltung umsetzte (Zylinder, Kegel, Würfel, etc.). Zu sehen sind aktuell zwei davon im Hiltruper Museum.

Auch 1993 ist da die Gestaltung des Plakats zum Rock-Musical „Monasteria“ zu nennen, das von P. Norbert Becker MSC geschrieben wurde.
Die Grafik dazu zählt – ausverkauft! – zu seinen meistverkauften, multiplen Kunstwerken.

Recht unbekannt dürfte sein, dass Michael Rickert neben seiner Tätigkeit hier am KvG an einer Reihe von kirchlichen Instituten als Dozent bis Anfang diese Jahrzehnts tätig war. Besonders lang – über 15 Jahre – war er tätig am Institut für Lehrerfortbildung, erst in Essen, dann in Mülheim/Ruhr. Er bildete Fachleiter Kunst fort, also Seminarleiter, die selbst in der Lehrerausbildung wirken.

2000 schuf er die Gestaltung des Covers der CD zum Weltjugendtag in Rom
2001 unternahm Michael Rickert auch für seine Verhältnisse etwas ganz Besonderes: Auf Einladung führte er in Koblenz für die dort ansässigen Arenberger Dominikanerinnen ein Ästhetik-Seminar durch.
Hier ging es um einen Klinik-Neubau, ein völlig neues Konzept, in dem die besondere Form der Trägerschaft elementar in die Neugestaltung einfließen sollte.

Das vorgestellte Konzept hieß: „Licht ist blau“, eine Umsetzung der Farbe Mariens und der spezifischen Ausrichtung des Ordens in eine durchgängige Gesamtgestaltung.

2003 bekam Michael Rickert den Auftrag, für das Erzbistum Paderborn und das Bistum Münster jeweils ein mobiles Altarbild zu schaffen. Zusammen mit einem Auftrag an einen Bildhauer sollte eine Altarsituation geschaffen werden, die es ermöglicht, in unterschiedlichen Schulen, immer wieder neu zusammensetzbar und damit unterschiedlich Jugendliche in den auch für sie ungewöhnlichen Kontext „Kirche vor Ort“ zu bewegen.
Herausgekommen sind dabei vier großformatige Quadrate, die in über tausend Variationen zu ordnen sind. In der Hängung vor Ort entsteht in der Mitte der vier Quadrate ein Leer-Kreuz. Hier kann jeder , der will, sein Kreuz projezieren. Die Bilder selbst sind in der rickert-typischen Weise entstanden. Analog zu ihrem Thema („Die vier Elemente“) sind sie selbst in dieser Weise gestaltet worden – auch mit Feuer. Aber hier in die Feinheiten gehen zu wollen, überlasse ich den Fachleuten, der ich ja nicht bin – wie schon erwähnt.

2008 zeigte Rickert in der Dominikaner-Kirche in Münster die Ausstellung „Stadtbild“. Interessanterweise waren die Stadt Münster und das Bistum Münster gleichermaßen Veranstalter dieser Ausstellung. Denn hier berühren sich offensichtlich doch Bischof und Stadtpolitik an einem neuralgischen Punkt: Münster; diese auch für mich Sauerländer wunderschöne Stadt ist nicht zuletzt deswegen wunderschön, weil sie bis Heute ihre seit vielen Hundert Jahren historische Silhouette bewahrt hat. Fährt man von Münster-Nord in die Stadt ein, kann man sich auch heute noch den Eindruck der Gesandten vorstellen, die 1648 diese Stadt zu einer bedeutenden machten, als sie den Friedenschluss nach dreißig Jahre Krieg vorbereiteten. Allerdings ist diese historische Substanz bedroht, durch einen „Investor“.

Das ist dieses seltsame System, das schon vor einer Generation ganze historische Innenstädte dem Erdboden gleichmachte, wie meine Heimatstadt Iserlohn oder Michaels Heimatstadt Menden, um dann in der bekannt schönen Neubebauung der siebziger Jahre zu dem heutigen bestenfalls amorphen architektur-ästhetischen Baumüll des Gleichwo-Überall gleichmachenden Kommerzes zu verkommen.

Hier eine Gefahr zu sehen ist Michael Rickerts wertkonservatives, künstlerisches Anliegen.

K wie „Kunst“.
Klar, dieses „K“ ist wohl elementar in Michaels Leben. Ich habe dieses eher kleine, alte Haus in Menden noch vor Augen mit seinen vielen, kleinen Zimmern. Alle voll mit Kunst – Michaels Vater war Sammler, aber auch selbst Künstler, zu seiner Zeit war er in Menden und Umgebung ein bekannter Mann.

„Petersburger Hängung“, ein wenig bekannter Begriff sicherlich , aber das war das Prinzip in diesem Haus. Was soviel heißt wie: Von der Decke bis zur Fußleiste Bild an Bild, in unterschiedlichen Formaten, aus unterschiedlichen Epochen und Stilen, altes und neues, verwirrend. Darin aufzuwachsen, war wohl etwas Besonderes, allemal Prägendes.

Ich habe Michael als Pennäler immer mit diesem Anspruch an sich selbst erlebt, Kunst machen zu wollen,. Er zeigte mir einmal Hefte und Bücher seines Lieblingsfachs Mathematik, also das Gegenteil war der Fall, natürlich! – , sie waren über und über mit Skizzen und kleinen Zeichnungen versehen, sahen schön aus – war meine Meinung damals -, hatten aber mit dem eigentlichen Gegenstand dieses Fachs bestenfalls nichts zu tun.

Bei seinen Mitschülern hieß er „Der Künstler“, was nicht immer ehrenvoll gemeint war.

Er sollte was Ordentliches studieren, so die Auffassung Michaels Vater, Jura. Als Schmankerl sollte es dann Kunstgeschichte hinterher geben, die Tätigkeit in der Ankaufskommission der BRD wurde in Aussicht gestellt.
Kunstgeschichte hat Michael Rickert dann wirklich auch studiert bis 1982 an der WWU Münster.

Allerdings Jura auch. Die kleinen Scheine „hat“ er, wie er immer wieder betont, und den „VWL1“ auch. Allerdings ließ er die Kunst nicht- oder sie ihn nicht -, fertigte heimlich eine Bewerbungsmappe, wurde an der Kunstakademie Düsseldorf angenommen. Papa Rickert fiel aus allen Wolken, erst nach Wochen akzeptierte er Michaels „Berufung“ schließlich doch: Immerhin am Institut für Kunsterzieher wollte er studieren, mit der Aussicht, Kunstbeamter werden zu können, na ja!

„K“ wie Kuni.
Ich lasse mich in keiner Weise über Michaels Lebensphase der siebziger Jahre aus. Erstens bin ich diskret, zweitens schlau, denn Vieles fiele auf mich selbst zurück, und drittens kenne ich auch das Meiste nicht, denn ich selbst studierte derzeit in Heidelberg und Bochum, war also nicht vor Ort, war also kein Zeitzeuge im engeren Sinn.
Es sei nur soviel gesagt, dass – nicht nur für mich überraschend – dann ein Mensch in Michael Rickerts Leben trat, eine Frau, die wie kein anderer, rsp .keine andere, lebensprägend wurde: (die Kuni, wie sie liebevoll von uns Freunden genannt wird) Kunigunde natürlich, die schöne Staufer-Kaiserin.

Sie ist seit 1982 der strukturierende Pol, der den schillernden und unruhigen Zwilling Michael in die zunehmende Konsolidierung zwingt, ihm auch intellektuell die Möglichkeit bietet, an etwas Anderes zu denken als an Kunst. Sie als Waage ist astrologisch gesehen der einzige Ausgleich des Zwillings. Zudem schafft sie es wirklich dieses Wunder einer seit nunmehr 27 Jahren bestehenden, glücklichen Ehe.

„K wie „Kinder“
Seine drei Jungs – unterschiedlich wie „Mann“ da nur sein kann, sind etwas, auf das Michael nicht nur im beiläufigen Sinne stolz sein kann. In ihren so unterschiedlichen Ausprägungen, ihren so unterschiedlichen Interessen und Vorlieben und Begabungen findet sich der Vater wieder, ist – aus meiner Sicht richtig – deswegen stolz auf sie.
Kinder heißt aber auch bei Michael Rickert Schul-Kinder.
Dazu kann ich wirklich nicht viel sagen, hier und heute aber dürften ein paar unter Ihnen sein. Michael berichtete unlängst, dass es zunehmend mehr Kinder sind, die er unterrichtet, die wiederum Kinder von Kindern sind, die früher er einmal in der Schule hatte. Zu vermuten ist, dass er etwas daran zu „knacken“ hat, nun allmählich wohl im Dienst zu ergrauen.

K wie „Kommunikation“
Nun, seine Schülerinnen und Schüler, seine Kollegen werden wohl seine Lust zur und an Kommunikation schätzen – oder auch nicht. Denn Michaels Lust darin ist gewaltig. Allerdings ist für den Kommunikanten dann doch etwas durch und durch Positives spürbar: seine Ehrlichkeit, seine Offenheit, seine Freude am Diskurs im philosophischen Sinne. So ist er uns Freunden langjährig als lebhafter Kommunikator an unseren Abenden in Erinnerung.

K wie „K Film- und Fernsehproduktion“
Eine wenig beleuchte Seite Michael Rickerts ist diese Film- und Fernsehproduktion, die er von 1993 bis 2008 betrieben hat – anfänglich gemeinsam: Wir sind der Frage nachgegangen, was denn um 1995 herum „Heimat“ bedeutet. An drei regional unterschiedlichen Orten Nordrhein-Westfalens haben wir drei dort jeweils dafür bekannte Menschen gesucht und gefunden und haben versucht, sie an den für sie nachhaltigen Orten hinsichtlich ihrer jeweiligen Auffassung glaubhaft für „Heimat“ zu machen .
Michael Rickert hat dann im weiteren über 50 Filme gemacht, davon wieder einige für die katholische Kirche, einen zur Erwachsenentaufe zusammen mit dem heutigen Limburger Bischof Dr. Peter Tebartz van Elst.

„K“ wie Katastrophen
Wenn etwas nicht zu sehen ist, fällt es gar nicht so auf.
Vielleicht hat sich dann doch der eine oder andere gewundert, dass in diesen so sehr auf das Retrospektive angelegten Ausstellungen hier die Achtziger Jahre fehlen, einer Zeit, in der Michael Rickert immerhin mit zwei wichtigen Stipendien ausgezeichnet wurde.
In einer für ihn und seine Familie ohnehin schon durch Krankheit und Tod sehr belastenden Zeit kam es durch sehr unglückliche Umstände bedingt zu einem höchst gefährlichen Brand im Haus mit einem Schaden in einer immensen, materiellen Größe.
In diesem Brand wurde auch eine heute nicht mehr zu zählende Menge an Zeichnungen, an Druckgrafik und Gemälden vernichtet. Auch Unterlagen über seine Biografie der Achtziger Jahre sind so für immer zerstört.

K wie „Kunstsammler“
Michael Rickert wird es von seinem Vater haben, das Sammeln. Die Hinterlassenschaft von ihm hat er auch geerbt. Er hat sie reichlich vermehrt, darunter auch zwei Originale seines künstlerischen Vorbilds, Max Ernst. Es sind zwar „nur“ multiple Kunstwerke, Lithographien, sie hängen aber wie Ikonen in seinem Wohnzimmer.
Eine kleine Anekdote zu dieser man möchte es Bewunderung , ja Hingabe an Max Ernst nennen:
Als 1985 sein erstes Kind zur Welt kam, hatte Michael seinen Vornamen schnell festgelegt. Denn die Mutter sollte das Vorrecht haben, den Mädchen-Namen festzulegen, der Vater den Namen des Jungen. Erst Kunis beharrliche Weigerung führte dann zu der heutigen Namensgebung.
Der Sohn sollte (natürlich!) Max-Ernst Rickert heißen; bei Max ist es geblieben – gut so!

Nach all dem Persönlichen, was ich Ihnen jetzt hier vortrug, bleibt dann doch noch eine Frage zu beantworten, nämlich die, was denn letztlich das wirkliche Anliegen ist, das mich zu dieser Rede bewog:
Auch ich bin Sammler, habe in meiner Sammlung etliche, eigentlich viele „Rickerts“.
Hier im Haus in dieser Ausstellung sind eine Reihe von Arbeiten zu sehen, die für mich, ich hoffe auch für Sie, den Beweis antreten: Man muss nicht Kenner sein von Kunst, um nicht an Kunst, an Rickerts Kunst Freude haben zu können.

Dr. Joachim Stute September 2009

„VorOrt“

Michael Rickert ist „Vor Ort“, und das im vierfachen Sinn. „Der Künstler ist anwesend“ so, wie es oft in Einladungen zu Vernissagen steht, er ist hier im Raume leibhaftig, zu sprechen und zuhanden. Zweitens ist er in dem Sinne anwesend, dass er Münsteraner und Westfale ist, hier wohnt und arbeitet, als Künstler und als Kunsterzieher am Kardinal-von-Galen-Gymnasium. Nicht, weil es ihn hierher verschlagen hätte, sondern weil er in Westfalen geboren und aufgewachsen ist und gern hier lebt.

Diese Ausstellung ist Endpunkt und Höhepunkt eines umfangreichen Ausstellungszyklus, der innerhalb weniger Monate an unterschiedlichen Orten in Münster stattfand und noch stattfindet. So ist der Künstler drittens „Vor Ort“, etwa in der Galerie im alten Dorf, im Hiltruper Museum oder im Restaurant an der Prinzenbrücke – kurz, Michael Rickert hat Hiltrup zur Zeit vollständig „durchkunstet“, um eine Sprachschöpfung von Rudolf Steiner zu verwenden. Und viertens ist er in dem Sinne „vor Ort“, dass viele der Motive, von denen er sich in seiner Arbeit hat anregen lassen, hier aus Münster stammen.

Nun ist Ortsverbundenheit eine zwiespältige Angelegenheit. Der Terminus des „Provinziellen“ lauert schon in der Kritikerecke. Michael Rickert ist als Einheimischer und als Lehrer am KvG bekannt und beliebt, und doch kann gerade wegen dieser Nähe leicht eintreten, was Jesus im Matthäus-Evangelium beklagte: „Der Prophet gilt nirgends weniger als im eigenen Vaterlande“. Darum ist es vielleicht sinnvoll, zunächst einige gedankliche Schleifen aus der Region heraus zu schlagen, bevor wir uns dann den künstlerischen Arbeiten von Michael Rickert widmen, die heute hier zu betrachten sind.

Es gibt manche Künstler, die sich so verhalten, als hätten sie das Rad erfunden. Sie produzieren Werke, die deutlich ihre Vorbilder erkennen lassen, doch sie tun so, als wüssten sie nichts davon. Plagiate sind nicht nur in der Wirtschaft ein großes Problem geworden, sondern auch in Kunst und Kultur. Und leider werden sie durch einzelne postmoderne Kunstwissenschaftler unterstützt, die behaupten, es gäbe sowieso nichts Neues, also dürfe man ungeniert abkupfern.

Michael Rickert vertritt eine andere Position. Er weiß und er sagt, dass ihn bestimmte Künstler beeindruckt haben, dass er Vieles aufgegriffen und fortentwickelt hat. Jeder Künstler unterliegt zahlreichen Einflüssen, wie könnte es anders sein, und jeder reagiert darauf auf seine Weise, gemäß seinen persönlichen Neigungen und Interessen. Manche verschweigen und verdrängen, was sie beeinflusst hat. Andere definieren sich durch Widerspruch – sie lehnen etwa jede Art von Regeln oder einen verbindlichen Wertekontext ab. Andere nehmen ganz bewusst Bezug auf bestimmte Einflüsse und erkennen sie dankbar an. Zu diesen gehört Michael Rickert. Deshalb ist es sicher in seinem Sinne, wenn ich einige Worte darauf verwende.

Michael Rickert gehörte Anfang der 70er Jahre zu den ersten Studenten am „Institut für Kunsterzieher Münster der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf“, wie es damals noch hieß. Ich kenne ihn seit damals, und ich kenne die Künstlerlehrer, die er gehabt hat. Für gewöhnlich entscheidet man sich an der Kunstakademie für einen Künstlerlehrer. Doch Michael Rickert durchlief gleich drei Ateliers: bei Udo Scheel, damals Leiter des Hauses, bei Norbert Taddeusz und bei Jochen Zellmann, und jeder Lehrer hatte seine liebe Not mit dem widerborstigen Kunststudenten.

Der 6. Januar ist erst einige Tage her, und so darf ich sagen, dass er trotz mancher Reibereien von jedem seiner Lehrer sich etwas hat mitgeben lassen wie von drei Weisen aus dem Morgenlande: von Udo Scheel die Vielschichtigkeit des künstlerischen Denkens sowie die Vielfalt in malerischen und grafischen Techniken. Von Norbert Taddeusz die Intensität und Leidenschaft im Umgang mit Farbe und Zeichenstift. Von Jochen Zellmann den gestischen Ausdruck subjektiver Erfahrung.

Auch Joseph Beuys spielt für ihn eine wichtige Rolle, und das gleich mehrfach. Die Abteilung Münster der Kunstakademie Düsseldorf wurde damals gegründet, nachdem Joseph Beuys einen untragbaren Zustand provoziert hatte. Er hatte erklärt, jeder Mensch sei ein Künstler, und folgerichtig die Kunstakademie Düsseldorf für alle Studienbewerber geöffnet. Natürlich führte das zu einer Schwemme von Studenten, der die alte Akademie nicht gewachsen war. Und während Beuys vom damaligen Wissenschaftsminister und späteren Bundespräsidenten Johannes Rau vom Dienst suspendiert wurde, wurde die Abteilung Münster ins Leben gerufen, um die Studentenmengen zu bewältigen. Michael Rickert gehörte zu der ersten Generation von Studenten, die an der Gründung in Münster Teil hatten (Matrikelnummer 112). Zeitgleich fing ich selbst dort als Dozent an, und so verbindet uns beide Einiges. Die Abberufung von Beuys hat Johannes Rau übrigens später widerrufen. Die Abteilung Münster aber blieb, anfangs nur eine umgebaute Garage an der Geiststraße, heute als eigenständige Kunstakademie mit Neubau ein Glanzstück für Münster.

Zentrales Statement von Joseph Beuys war die Verbindung von Kunst und Leben. Sie hat das allgemeine Verständnis von Kunst wahrhaft epochal beeinflusst. So auch bei Michael Rickert, dem seine Kunst nicht etwas vom Alltag Abgesondertes bedeutet, sondern etwas, das er tief in sein eigenes und sein berufliches Leben integriert hat, und das er auch auf seine Schüler überträgt – ich weiß das, weil meine beiden Töchter seinen Kunstunterricht genossen und wertgeschätzt haben. Diese Integration enthält auch die Antwort auf die Frage, die oft mit vorwurfsvollem Unterton an Michael Rickert gestellt wird: woher er eigentlich die Zeit nähme, neben seiner Tätigkeit als Lehrer so viel zu malen…
Am ausdrücklichsten aber bezieht sich Michael Rickert auf einen Künstler, der zu den bedeutendsten der klassischen Moderne gehört: Max Ernst. Dieser tiefsinnige und einfallsreiche Autodidakt war der Erfinder zahlreicher neuer Methoden in der Kunst: er erfand die Decalcomanie (Abklatschverfahren), die Frottage(Durchreibverfahren), die Grattage (Abschaben aufliegender Farbschichten), er war Miterfinder der Collage und des Dripping.

Michael Rickert hat das Potential, das Max Ernst eröffnet hat, in seiner eigenen Arbeit weiterentwickelt und erweitert. In grenzenloser Experimentierfreude erforscht er alte und neuartige Materialien mit alten und neuartigen Methoden. Der Zufall darf mitspielen – dadurch, dass er Teil des Konzeptes wird, ist er nicht mehr blind. Und wie Max Ernst traut Michael Rickert den Kräften des Unbewussten und ihrer eigenen ungezähmten Ordnung.

Michael Rickert hält das Andenken an diesen epochalen Künstler lebendig. Es wäre schön, wenn Hiltrup sich dem anschließen würde. Es gibt ja ein Malerviertel, Paul Klee etwa und Emil Nolde sind mit Straßennamen geehrt. Ich selbst habe mit meiner Familie in der Rubensstraße gewohnt und lebe jetzt im Franz-Marc-Weg. Hiltrup würde sich selbst ehren, wenn es eine seiner Straßen nach Max Ernst, der 1976 verstarb, benennen würde.
Wenden wir uns nun den Werken von Michael Rickert zu, der Münster mit der Chance, ihn posthum mit einem Straßennamen zu ehren, hoffentlich noch ein Weilchen warten lässt.

Im Zeitalter des „offenen Kunstwerks“ bekommt man oft zu hören, Erklärungen seien überflüssig, jeder Betrachter solle sich ein eigenes Bild machen. Das ist oft richtig, ebenso oft aber übersieht man auch Wichtiges, wenn man nicht darauf aufmerksam gemacht wird. Mir selbst ist es oft genug so ergangen. Die Behauptung, Interpretation sei letztlich beliebig, kann nur gelten, wenn der Künstler keinen Ideenhintergrund hat, der über das sinnlich Gegebene hinausgeht.

Mit Michael Rickerts Bildern hat es eine besondere Bewandtnis. Denn bei ihnen gibt es Manches, das unsichtbar oder nicht mehr sichtbar ist, und das dennoch zu den Arbeiten gehört. Sie sind also nicht in jeder Hinsicht selbsterklärend, erschließen sich nicht allein von den Phänomenen der fertigen Oberfläche her. Wenn wir von der Arbeit, dem Werk des Künstlers reden, schließt das den ganzen Prozess bis zur Fertigstellung ein.
Das gilt beispielsweise für die beiden Arbeiten, die Michael Rickert “Who’s afraid of Yellow, Red and Blue” genannt hat, nach dem gleichnamigen Titel einer Bilderfolge, die Barnett Newman 1967 anfertigte. Während Newman die drei Fokalfarben in großen Farbflächen und -Bändern zur Geltung bringt, treffen wir hier, besonders bei Variation I, auf ein fast monochromes Grünblauschwarz. Was also ist mit Yellow and Red? Rickert hat die Bilder in mehreren Farbschichten angelegt und anschließend die oberste Schicht fast restlos wieder weggewischt. Fast, denn wir erkennen verbliebene Reste von Rot in wenigen Nischen des pastos aufgetragenen Farbreliefs. Auch das Gelb ist verschwunden, und doch nicht ganz. Es geht auf in seiner Rolle, zusammen mit dem Blau Grüntöne entstehen zu lassen.

Hier wird ein Spiel mit dem Sichtbarmachen und Verbergen erkennbar, das das ganze Werk Michael Rickerts durchzieht. Seine Bilder sind Zustände von Prozessen, die geistig nachzuvollziehen zur Rezeption gehört. Hand in Hand mit dem Verbergen geht die Lust am Verwandeln, die sowohl an den Motiven wie an den verwendeten Materialien ansetzt.

Im Bild „Torso rot“ haben Naturfarben und Binderfarben Verwendung gefunden. Nach dem Trocknen hat der Künstler die Farben mit einem Heißluftgebläse bearbeitet, das sie wieder verflüssigte und veränderte. Anschließend hat er die oberste Farbschicht kraftvoll abgerieben, wodurch die Oberfläche einen eigenartigen Glanz bekommt.

Die Bearbeitungszeit bei solchen Verfahren ist sehr lang. Die Farbe muss wegen der Mächtigkeit der Schicht oft monatelang trocknen, und das Abreiben und Bearbeiten ist aufwendig und kraftraubend. In dem Vierteiler „Ein Kreuz mit dem Schwarz“ kommen pro Bild 6-7 kg Bitumen, Mörtelfarbe und Granulate zusammen, die ein Jahr zum Trocknen brauchten.

Bei „Vier Quadrate durchkreuzt“ trug der Künstler Ölfarbe im Drippingverfahren auf. Nach dem Trocknen – eigentlich ist es ein bernsteinartiges Aushärten – rieb er das Bild blank. Die Oberfläche wurde glänzend, und gleichzeitig bekamen die die Farbspuren Doppelkonturen. Seen von Terpentin mussten trocknen, um den Oberflächen ihre charakteristische Textur zu geben.

Dieses Werk ist als mobiler Altar konzipiert. Michael Rickert ist der katholischen Kirche aktiv verbunden, er hat wiederholt Werke für Kirchen geschaffen. Dieses Altarbild ist mobil in dem Sinne, dass die Teilquadrate gedreht und in ihrer Position ausgetauscht werden können. Dadurch ergeben sich 1024 Kombinationen. So gibt der Künstler seine Freude an der Verwandlung weiter. Wenn die Quadrate jede Woche zu einer anderen Kombination arrangiert werden, dauert es 20 Jahre, bis alle Möglichkeiten durchgespielt sind. Bei aller Verwandlung bleibt Eines aber bestehen: das Kreuz, das die vier Quadrate durch ihre Zwischenräume bilden. Dabei wandelt sich die Erscheinung dieses Kreuzes je nach Umgebung, in die das Werk gestellt wird. Eine sinnreiche Symbolik.

In vielen Bildern von Michael Rickert spielt der Glanz eine Rolle. Das ist heutzutage ungewöhnlich. Normalerweise sieht man zu, dass Reflexe auf Bildern vermieden werden. Viele Farbmittel, z.B. Acrylfarben, sind matt. Wenn Bilder hinter Glas gerahmt werden, so verwendet man oft mattiertes Glas oder besser noch entspiegeltes Glas, um störende Reflexe zu vermeiden. Das war in der Antike ganz anders. Glanz erkannte man nicht als Reflex, sondern es war eine besondere Qualität, die als aktive Wirkkraft bestimmter Dinge wie bei Edelsteinen oder auch beim Auge verstanden wurde. Noch heute nimmt die Sprache darauf Bezug, wenn wir eine „glänzende“ Leistung loben.

Der berühmteste Maler der Antike, Apelles, verwendete nur vier Farben: Rot, Schwarz, Weiß und Gelb. Die Oberflächen behandelte er so, dass sie glänzten, und keiner wusste, wie er das wohl machte. Michael Rickert hat offenbar das Geheimnis des Apelles gelüftet und überträgt es in seine Bilder. Wunderbar kommt der Glanz z.B. in seinem kleinen Triptychon 2006 zur Geltung. Das tiefe Blau mit gelben Einsprengseln erweckt den Eindruck von poliertem Lapislazuli, jenes seltenen Steines aus Afghanistan, der den alten Ägyptern heilig war. Das zeigt sich allerdings bei Tageslicht stärker als bei dem Lampenlicht jetzt. So schön das Ambiente in diesen Räumen ist – die abendliche Glühlampenbeleuchtung schränkt die Farbwirkung ein, sie lässt das Blau düster und das Gelb weißlich wirken. Ich möchte Ihnen raten, die Bilder gelegentlich auch bei Tageslicht zu betrachten.

Das gilt auch für die beiden in jüngster Zeit entstandenen Bilder, in denen Michael Rickert Blattgold und Goldstaub in den Kontext dominanter blauer Flächen gesetzt hat. Das eiförmige Rund nimmt Bezug auf das gleiche Motiv wie viele andere der hier vertretenen Bilder, nämlich – Sie werden es sicher erraten – auf den weiblichen Körper.
Kommen wir noch einmal auf die Vorgänge des Verbergens und Verwandelns zurück, die in vielen Arbeiten von Michael Rickert eine Rolle spielen. Sie geschehen in unterschiedlicher Hinsicht.

Eines der Bilder nennt der Künstler Es. Es ist in dem Sinne gemeint, wie Sigmund Freud das Unbewusste genannt hat. Das Bild entstand in Zusammenhang mit einer Aktion, die Rickert 2006 in Münster mit Schülern durchführte. Aufgabe der Schüler war es, Gestalten zu bilden, die sich aus dem Boden winden und quälen. So quälen sich hier in Rickerts Bild die Farben: Blauschwarz wirkt wie mit Zähnen gerakelt. Durch aufgeplatzte dunkle Stellen wird hier und da wie verletztes Fleisch Rosa sichtbar. Max Ernst hat einmal gesagt: „Meine Bilder sollen nicht gefallen, sondern aufheulen machen.“ In gewissem Sinne gilt das auch für dieses Bild.
Hintergründiges scheint mir auch in dem mehrteiligen Bild Ein Kreuz mit dem Schwarz gegeben zu sein. Vierfach deutet sich ein weiblicher Torso an, Schwarz in Schwarz, nur erkennbar an unterschiedlicher Mattierung. Weibliche Torsen sind, wie wir schon bemerkt haben, ein wiederholtes Motiv bei Michael Rickert. Doch ob hier eine mehr als oberflächliche Beziehung zu dem Vierteiler „Vier Quadrate durchkreuzt“ besteht? Ich weiß es nicht. Weiß es der Künstler selbst…?

Mehrere Werke finden Sie unter der Bezeichnung Stadtbild I, II, IV usw. Manche von Ihnen haben sie vielleicht schon vor einiger Zeit in der Dominikanerkirche ausgestellt gesehen. Bei diesen Bildern handelt es sich jeweils um die Hälfte eines Diptychons, dessen Teile eigentlich zusammengehören. Doch der jeweils 2. Teil ist leider nicht mehr verfügbar, was ich bedaure. Bei diesen Bildern hat der Künstler Stadtansichten von Münster zunächst auf eine Leinwand gezeichnet, danach in dicken Farbschichten übermalt. Das Ergebnis presste er in noch nassem Zustand mit einer zweiten Leinwand zusammen und zog dann beide Hälften auseinander. Durch dieses Abklatschverfahren bildet die zähe Farbsubstanz ein typisches Relief, dessen Grate z.T. um mehr als 2 cm aus der Bildfläche herausragen.

In den beiden Diptycha Prospekt mittig dunkel und Prospekt mittig hell sind glücklicherweise beide Hälften vorhanden und bleiben, so hoffe ich, auch zusammen. Während in den Münsterbildern die Stadtarchitektur noch erkennbar ist, geht Michael Rickert hier einen Schritt weiter. Die Doppelbilder sind mit 3,20 m nicht nur die größten, sondern auch die radikalsten Bilder, die er gemalt hat, und sie gehören sicher zu seinen besten.

Zunächst hat der Künstler viele kleine Bleistiftzeichnungen von Osnabrücker Kirchen angefertigt und sie auf zwei große Leinwände übertragen. Der Zeichnung folgte, sie überlagernd, Malerei. Er trug Farbe auf, Schicht um Schicht 20 verschiedene Blautöne und 12 Gelbtöne. Methode war das halbautomatische, der rationalen Kontrolle weitgehend entzogene Drippingverfahren, wie es Max Ernst und Jackson Pollock eingesetzt haben, um dem Unbewussten spontanen Ausdruck zu geben.

Noch im nassen Zustand wurden die beiden Teilbilder zusammengepresst und gewaltsam wieder auseinander gerissen. Dabei entstanden die dendritischen Texturen und Lineaturen, die die Oberflächen überziehen. Sie entsprechen den Fraktalen der Chaostheorie, die auf natürliche Weise z.B. in den Formen von Flussläufen oder Gebirgen entstehen. Diese spontane Ordnung im Chaos ist oft in Beziehung gesetzt worden zu den Ordnungsbildungen des Unbewussten, und so, glaube ich, hat sie auch Michael Rickert gemeint: Formen, deren Entstehen nicht kontrolliert, aber auf ihre kalkulierte Wirkung hin initiiert wurden.

Die Kirchenumrisse sind gänzlich überdeckt. Aber sie sind darunter noch vorhanden, und durch dieses Wissen wird das Werk ein vielschichtiges Spiel um Bewahren und Vernichten, Zeigen und Verstecken. Dieses allmähliche Verschwinden der menschengeschaffenen Realität erinnert mich an den Roman „Die Welt ohne uns“ von Alan Weisman, in der eine Welt erdacht wird, wie sie sein könnte, wenn die Menschen plötzlich verschwinden würden.

Wie ein mephistophelischer Zauberer lässt Michael Rickert etwas vor unseren Augen erscheinen – und verschwinden. Shiva ist der Hindugott des Schöpferischen, aber auch der Vernichtung. Luzifer hat nach alter Sage den Menschen das Licht gebracht, aber er ist auch der Inbegriff der Zerstörung.

Goethe lässt in Faust I Mephisto sagen:
„Ich bin der Geist, der stets verneint,
Und das mit Recht, denn alles, was entsteht,
Ist wert, dass es zugrunde geht.“

Vielleicht werden jetzt Einige sagen: Unsinn, Michael Rickert ist ein witziger Kerl, ein prima Lehrer und ein guter Katholik. Es gibt allerdings auch Leute, die vor ihm warnen; er musste sich schon gefallen lassen, im Internet als „Satansdiener“ bezeichnet zu werden. Aber – sprechen Sie selbst mit dem Künstler. Schauen Sie sich die Bilder an. Gefallen sie? Machen sie aufheulen? Regen sie zur Diskussion an? Ich bin auf Ihr Urteil gespannt.

Prof. Dr. Max J. Kobbert Januar 2010

Eine Wunde wird geschlossen

Wenn es um die Frage geht, ob ein historisches Ensemble, in diesem Fall eine ursprünglich neogotische Chorkirche, mit zeitgenössischer, zudem abstrakter Kunst ausgestattet werden soll, stehen am Anfang zumeist einige Zweifel: Man fürchtet den Bruch, die Irritation. Aber liegt nicht gerade in dieser Störung der eigentliche Gewinn, der Mehrwert?

Ernst Bloch spricht davon, dass es „der Ritz und Riss im üblichen und gewohnten Bemerken“ ist, der eine neue Perspektive eröffnen kann. Ein solcher Ritz und Riss im Gewohnten, im Vertrauten erscheint beinahe als das Charakteristikum der Arbeit Michael Rickerts. „Mein Thema ist das Experiment“, sagt Rickert; und tatsächlich sind seine Werke mehr Prozess als Zustand, mehr Ereignis als Ergebnis. Sie bewegen sich auf der Demarkationslinie zwischen Benennen und Verbergen, auf der variablen Grenze zwischen dem, was zur Deutung herausfordert und dem, was undeutlich bleiben muss.

Zu diesem inhaltlichen und formalen Changieren der Kunst treten als wesentliche Faktoren der Raum und vor allem der Rezipient hinzu. Erst in diesem Spannungsfeld ergibt sich letztlich Bedeutung, entwickeln sich Kommunikation und Interaktion. Dieses Miteinander präsentiert sich als eine Gleichung mit den drei Unbekannten „Werk“, „Raum“ und „Betrachter“, eine Gleichung, die es stets aufs Neue aufzumachen gilt.

Konsequent zu Ende gedacht, besteht die Möglichkeit, die Gleichung noch zu erweitern, kann doch als vierte Variable noch der Künstler einbezogen werden.

Michael Rickert hat für seine Kunst einen guten Ort gefunden – die St.-Joseph-Kirche -, einen Ort, der eben all dies zulässt und ermöglicht. Aber umgekehrt gilt auch: Für den Ort wurde eine gute Kunst gefunden, eine Kunst eben, die solches zulässt und ermöglicht.

„Vier Quadrate durchkreuzt“ – und quasi als Positiv zu der so auch entstehenden Negativform – ein „Chi-Kreuz“ haben in die Kirche Einzug gehalten. Eine Wunde wird geschlossen – aber nicht mit einem Notverband. Eine Lücke wird gefüllt – aber nicht mit einem Surrogat.

Dr. Susanne H. Kolter

Sichtbarmachen und Verbergen

Spannend ist, was man – allerdings nur mit der Bereitschaft zu offenen Augen – in den Arbeiten selbst entdecken kann, noch spannender ist, wenn man versucht, sich den Entstehungsprozess der Werke zu vergegenwärtigen und dabei den Alchemisten Rickert entdeckt, und am spannendsten wird es dann, wenn die Ebene des bloßen Betrachters verlassen wird und die nächste Stufe der Erkenntnis, die Interpretationsebene erklommen wird. Michael Rickert hilft uns dabei. Seine Titulierungen sind oftmals ein hilfreicher Fingerzeig. Der Fingerzeig eines studierten Künstlers, der aber auch als Kunsterzieher eben weiß, dass nicht jeder Betrachter per se in der Lage ist, aus einer höchst individuellen Farben- und Formensprache die Botschaft der Arbeit aufzunehmen.

„Kunst kommt von Können“, das oft spöttisch dem Künstler Entgegengehaltene bezieht sich um ein Vielfaches mehr als Aufforderung an den Betrachter selbst. Kunstgenuss setzt Denkbereitschaft voraus. Reflektion, genaues Hinschauen, Vergleichen, die Fähigkeit, geschichtliche Parallelen zu ziehen, philosophisches Basiswissen, religiöses Interesse, soziale und politische Kompetenz, hin und wieder sogar kriminalistischer Spürsinn. Auf jeden Fall die Bereitschaft, etwas Neues entdecken zu wollen, und das Wagnis einer Interpretation, einer Erklärung einzugehen. Mit dem Schöpfer des Werkes in so etwas wie einen virtuellen Dialog zu treten. Bildende Kunst ist so verstanden in besonderer Weise eine intellektuell herausfordernde Kulturform, eben kein reiner Konsum.

Michael Rickert, der Epigone von Max Ernst, dem surrealistischen Meister neuer Maltechniken wie Frottage, Grattage, Collage oder des Dripping experimentiert immer wieder mit neuen Techniken und zwar so lange, bis die Perfektion der eigenen Schöpfung auch ihn überzeugt.

Die Arbeit „Urknall“ ist eine die Explosion des Lebens. Sie ist – das lässt sich kaum zutreffender formulieren – eine wiedergebende Schöpfung aus skulptural geformter Ölfarbe. Farbe ist plötzlich nicht mehr bloße Oberflächenbedeckung, sondern formbildendes Material für ein Relief. Nur nebenbei: Das Bild selbst hatte einen Entstehungszeitraum von über einem Jahr. Das trifft auch auf die meisterlichen Spiegelungen zu , die „Bernar(d)ts Serie“ oder „Oben und unten ist Rot“.

Michael Rickert beschränkt sich außerdem als Künstler nicht nur darauf, sichtbar zu machen, was unsichtbar ist. Seine Abstraktionen verbergen häufig das, was einmal sichtbar war. Versuchen Sie einmal in den beiden genannten Serien das Ausgangsbild der Abstraktionen, das weibliche Gesäß in der „Oben und unten ist Rot“oder den Bauch von Schwangeren in „Bernar(d)ts Serie“ nachzuvollziehen. Ölfarbe, im Trocknungsprozess mit der Heißluftpistole geschunden oder glänzend poliert. Relieflinien als versteckte Anspielungen auf die Ursprungsform.

Das Bild „Mammon“ steckt voll von überspachtelten Münzen. Hier wird ein Spiel mit dem Sichtbarmachen und Verbergen erkennbar, das das ganze Werk Michael Rickerts durchzieht. Hand in Hand mit dem Verbergen geht die Lust am Verwandeln, die sowohl bei Motiven als auch bei verwendeten Materialien ansetzt. Reliefstrukturen des Farbmaterials haben symbolische Bedeutung – so wie die messerscharfen Materialstrukturen im Bild „Mammon“. Verwendete Materialien ebenso, wie z.B. die sterblichen Überreste verunglückter Vögel in der Serie „Der Sturz der Engel“.

Michael Rickert hat das Potential, das Max Ernsts malerische Revolution ihm eröffnet, in der eigenen Arbeit weiterentwickelt und erweitert. In grenzenloser Experimentierfreude erforscht er alte und neuartige Materialien mit alten und neuartigen Methoden. Der Zufall darf mitspielen, er selbst wird Teil des Konzeptes.

Seine Bilder sind Zustände, Ergebnisse von Prozessen. Diese Prozesse geistig nachzuvollziehen, sind notwendiger Teil einer werkangemessenen Rezeption. Die Arbeiten Michael Rickerts sind eben nicht in jeder Hinsicht sich selbst erklärend, erschließen sich auch nicht allein von den Phänomenen der fertigen Oberfläche her. Neben den offenen Augen ist eine Entdeckerlust gefordert, die in ihrer Intensität der Experimentierlust des Künstlers entspricht.

Allein mit der Analyse der materiellen Struktur, in dem technischen Nachvollziehen der Entstehung wird man allerdings in der Regel den Werken Michael Rickerts nicht gerecht. Auch die Interpretation, die Auseinandersetzung mit dem Inhalt sind gefordert. Der Ideenhintergrund Michael Rickerts ist eben nicht beliebig oder einer beliebigen Deutung zugänglich. Und dieser ist häufig zutiefst metaphysisch, er geht über das sinnlich Erfahrbare hinaus. Er ist politisch und durch seinen Glauben geprägt. Die Ernsthaftigkeit seiner Aussagen mag die Arbeit „Mammon“ verdeutlichen. Entstanden in der Kapitalismuskrise, in diesem Sichtbarwerden einer sittlich-geistigen und moralischen Zerrüttung, die uns noch Jahre beschäftigen wird, aber noch viel mehr aber den Menschen in Südeuropa und Afrika zu schaffen macht.

Das Triptychon „Mammon“ erinnert an ein ähnliches Werk Rickerts, „ES“ von 2006. „ES“, das scharfzackig und wie ein „schwarzes Loch“ uns vertilgen will, war die abstraktere Variante einer Abbildung des Bösen, wenn man es im direkten Kontext zu dem Triptychon „Mammon“ von 2013 sehen will. Hier aber bildet das dunkle Zentrum, scharfgezackt, sehr konkret von Geldmünzen durchsetzt den Ort des Grauens, benannt nach „Mammon“, einem der Namen des Satan.

Auch so entspricht Michael Rickert seinem großen Vorbild Max Ernst, der sich wünschte: „Meine Bilder sollen nicht gefallen, sondern aufheulen machen.“

Thomas Gabriel

IN DER TIEFE DES WASSERS

Der Münsteraner Michael Rickert (*1953 in Wickede) ist Künstler und Kunsterzieher. 1973 gehörte er zu den ersten Studenten, die an der heutigen Kunstakademie Münster – damals noch Institut für Kunsterzieher der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf – ihr Studium begannen. Ungewöhnlich genug: Er suchte sich nicht nur einen Professor, sondern durchlief die Klassen gleich dreier ebenso namhafter wie richtungsweisender Künstler-Professoren: Udo Scheel (bis 2005 Rektor der Münsteraner Akademie), Norbert Tadeusz und Jochen Zellmann. Rickerts Biografie weist ihn als vielgefragten Referenten aus, aber eben auch als Pädagogen. Seit 1982 unterrichtet er als Kunsterzieher am Bischöflichen Kardinal-von-Galen-Gymnasium in Münster-Hiltrup. Die Klaviatur seiner Betätigungsfelder ist nahezu unerschöpflich, hat er sich doch wegen seiner vielfältigen Ausdrucksformen, in denen er aktiv ist, den Ruf eines künstlerischen Tausendsassas erworben: So ist er nicht nur Maler, Zeichner und Grafiker, er ist auch tätig als Fotograf, als Filmemacher und tritt als Performance-Künstler in Erscheinung. Seine Erzeugnisse lassen sich nicht mit einem künstlerischen Etikett versehen: Figürliches reiht sich ebenso selbstverständlich neben Abstraktes, der Betrachter findet im umfangreichen Œuvre Architekturvisionen mit teils regionalen Bezügen ebenso wie Landschafsdarstellungen und Naturstudien.

Ein wichtiges Charakteristikum seiner Kunst, gleich welchen Genres, ist seine nahezu unerschöpfliche Experimentierfreudigkeit Farbe und Pinsel, die klassischen Insignien des Malers, genügen ihm selten. So darf auch schon mal ein Heißluftgebläse zum Einsatz kommen, um etwa die Strukturen des Gemäldes zu verändern oder er webt alte Münzen sowie die sterblichen Überreste von Vögeln in seinen Bilderkosmos ein. Als großes Vorbild führt er neben Ernst-Ludwig Kirchner und Joseph Beuys den surrealistischen Maler und Poeten Max Ernst an, der seinerseits mit der Erfindung der Grattage, der Frottage und des Dripping die Kunstwelt revolutionierte. “Ent-scheidend ist für mich aber nicht die Maltechnik, sondern die Fähigkeit, zu sehen und das Gesehene sichtbar zu machen,” erläutert Michael Rickert selbst. Und so zirkulieren seine Arbeiten, gleich welcher Technik, beständig um den Aspekt der Wahrnehmung, geht es ihm um Verbergen und Sichtbarmachen – sowohl in handwerklich-technischer wie auch in inhaltlicher Hinsicht. Der Akt des Schaffens an sich, aber auch das Element des Zufalls spielt eine große Rolle: Nicht umsonst spricht der Künstler von „Zuständen“ seiner Bilder (man denke etwa an jene Zustandsdrucke, die Pablo Picasso der künstlerischen Lithografie zu entlocken wusste), die letztlich den Entstehungsprozess eines Kunstwerkes dokumentieren. “Kunst muss man jeden Tag neu erfinden”, lautet denn auch sein Credo.

Dr. Gabriele Hovestadt

Im Spiegel des Wassers – Rede am 28.10.2015

Meine Damen und Herren, Ihnen einen Guten Abend!

Dass Sie hier sind, und das so überaus zahlreich, ist einer Einladung zur Eröffnung einer Ausstellung zu verdanken, zur Eröffnung von „Im Spiegel des Wassers“. Und solch eine Eröffnung wird als „Vernissage“ bezeichnet.

Zu einer richtigen Vernissage gehört die Begrüßung durch den Veranstalter, und das hat Frau Schüßler soeben auch getan. Und sollte diese Veranstaltung auch für den Ort eine gewisse Relevanz haben, ist eine Begrüßung durch einen wichtigen Politiker dieses Ortes auch sehr wünschenswert. Herr Schmidt ist hier in seiner Eigenschaft als Bürgermeister Hiltrups gerade deswegen erschienen. Die Kunstwerke hängen sehr sinnvoll geplant an den Wänden, sind gut sichtbar vorhanden. Es gibt Musik heute Abend, auch das gehört dazu, Frank Bennemann sitzt bereits am Piano. Alles spricht dafür, dass hier die Ausstellung in Allem richtig eröffnet werden soll.

Doch es fehlt etwas Entscheidendes: Der Laudator, also die Person, die die auf einer Vernissage selbstverständliche Laudatio, die Lobrede, halten soll, ist nicht da. „Der Künstler spricht“, steht auf der Einladungskarte, und der Künstler bin ich. Und dieser wird trotz seiner Kuratoren-Kleidung keine Laudatio halten, sondern eine Rede.

Und die beginnt so:

„Die Künstler selbst sind schweigsam, wenn sie ihre Werke sprechen lassen. Denn sie >haben gute Gründe, wenn sie sich davor hüten, über die im Kunstwerk ausgedrückten Ideen zu diskutieren. Jede verkürzende Umschreibung droht ein Werk in seiner eigenen Kompliziertheit zu ersetzen und droht so, den Künstler zu lähmen und den Betrachter blind zu machen< (Rudolf Arnheim, Bd. 6, 1962, S. 21)“

Zitiert habe ich den in Hiltrup lebenden und arbeitenden, renommierten Kunstpsychologen Prof. Dr. Kobbert, seien Sie herzlich begrüßt!

Um Gottes willen, die Vorstellung, Sie, meine Damen und Herren, heute Abend erblinden zu lassen, lässt mich förmlich erschaudern! Ich werde diesen sehr deutlichen Hinweis natürlich berücksichtigen und mir eher heute die Zunge abbeißen, als Ihnen hier meine Kunst zu erklären. Ich hoffe da doch sehr auf Ihr Verständnis!

„Echt, solide, natürlich“, so ist am 25. September 2015 ein Artikel der >Westfälischen Nachrichten< auf der Kulturseite übertitelt. Hier ein paar knappe Worte zum Inhalt des Beitrags:

Dr. Barbara Rüschoff-Thale, Kulturdezernentin des LWL, stellt zusammen mit einem Mitarbeiter eine DVD mit einem remasterten Dokumentarfilm aus der Mitte der 1950er Jahre vor. Das, was dort zu sehen sind, sind die (Zitat) „üblichen Stereotypen, die kulturbeschränkte Düsseldorfer Politiker heute noch mit Westfalen verbinden. Also trieft aus vielen Bildern […] das Bodenständige, Traditionsverbundene, Solide und Kernechte, das angeblich das Westfälische und den Westfalen prägt. […] Zumal eingangs auch noch das schmalzige Westfalenlied aus tenoraler Kehle erklingt.“ (Zitatende)

Es muss mich doch wohl etwas betroffen gemacht haben an diesem kleinen Artikel, andernfalls würde ich mich hier ja nicht auf ihn beziehen. Dass ich nun in bester Schulmeister-Manier daran gehe, ihn zu zerpflücken, bitte ich Sie mir zu verzeihen, meine Damen und Herren! Also fangen wir ´mal mit der seltsamen Überschrift an: „Echt, solide, natürlich“.

>Echt< ist ein mittlerweile wenig gebrauchtes Adjektiv geworden. Meist wird es heute im Zusammenhang mit Wertvollem benutzt: Echt-Gold, Echt-Silber, echter Brillant, und so weiter. Auf Menschen bezogen wird das Wort heute ersetzt durch den Begriff >authentisch<. Dieser wieder bedeutet in rein deutschen Synonymen so viel wie >ungeschönt, den Tatsachen entsprechend, unverfälscht, glaubwürdig, wahr<. Ich kann darin nichts Belustigendes finden, meine Damen und Herren.

>Solide< ist im Wortgebrauch heute auch ein wenig ins Hintertreffen geraten. Vielleicht gerade noch in handwerklichen Leistungsbeschreibungen wird er in der Darstellung einer guten Ausführung eines Gewerks benutzt. Auf einen Menschen bezogen aber? Wer möchte da schon als >solide< dargestellt werden?! Mein viel zu früh verstorbener Kollege im Fach, Dr. Werner Bockholt, benutzte ihn gern in der Kommentierung seiner Notengebung, und zwar in der Argumentation besonders guter Leistungen. Unter den Synonymen fallen da bemerkenswerte Adjektive auf: >qualitätvoll, wertbeständig, gründlich, sorgfältig, präzise, profund, aufrichtig, seriös<, um nur einige zu nennen.

Was, meine Damen und Herren, ist daran witzig?

>Natürlich< , der letzte Begriff der Überschrift, ist da ein schon häufiger gebrauchter Begriff. Wie will ein Bio-Produkt beworben werden, ohne dass es als >natürlich< bezeichnet wäre? Die Synonyme tun hier sehr Interessantes auf: >ursprünglich, naturgemäß, angeboren, konsequent, logisch, offen, zwanglos<, steht im Duden (, den ich auch hinsichtlich der obigen Synonyma zitiert habe).

Wie kann man da auf die Idee kommen, diesen Begriff zu ironisieren?

Da ist ein LWL zuständig für die Förderung der westfälisch-lippischen Kultur und amüsiert sich (Zitat) „über das Westfälische und Westfalen“? Und ein Redakteur einer Zeitung, die sich >westfälisch< apostrophiert, formuliert da – man spürt ihn förmlich vor Lachen glucksen: „Und wenn eingangs der „Buer“ mit langem Rauschebart und Holschken an den Füßen über seinen Kamp schlurft und die Ähren auf ihre Reife prüft, kommt man unweigerlich ins Grinsen.“ (Zitatende)

Nun muss ich gestehen, dass ich die DVD nicht erworben und – folge dessen – auch nicht geschaut habe. Warum sollte ich da Geld für einen solch kuriosen Mist ausgeben, nach dieser Art der Vorstellung des Films?

Der Grund, meine Damen und Herren, weshalb mich der Ton dieses Artikels so erbost, liegt darin, dass er in einer besonderen Form hochnäsig das karikiert, zu dem ich mich ganz ausdrücklich bekenne in meiner Bezeichnung: Michael Rickert – ein westfälischer Künstler!

Ich wurde im Kreis Soest geboren, aufgewachsen bin ich im Kreis Iserlohn, heute Märkischer Kreis, seit 1971 lebe ich in Münster. Alle Orte, mit denen ich zu tun hatte und habe, sind Teile Westfalens. Dieses Westfalen hat also sehr relevant mit dem zu tun, was mich ausmacht.

Als Kind und Jugendlicher konnte ich die über das Sauerland verstreute, weitläufige Verwandtschaft meiner Eltern kennenlernen. Durch Freunde und Bekannte, später durch die Verwandten meiner Frau begegnete ich den Münsterländern. Bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Menschen, ja auch der jeweiligen Schichten und Gruppen Westfalens, habe ich über die Jahre etwas entdeckt, von dem ich meine, dass es die Westfalen allesamt verbindet: die stark ausgeprägte, persönliche Eigenständigkeit.

Diese Eigenständigkeit ist unverfälscht und wirklich gelebt, weil sie – wie angeboren – authentisch ist. Ich darf für mich reklamieren, diese Eigenschaft und die damit verbundene Eigenheit in meinem Leben für ein hohes Gut zu halten. Sicherlich, das kann man monieren, hat es auch so seine Nachteile, so sehr auf seinen regional ausgeprägten Individualismus zu pochen. Und auch die Art, wie er vertreten wird, ist manchmal etwas gewöhnungsbedürftig.

Wenn ich denn nun diese betont individuelle Eigenständigkeit in meinem Leben spezifisch unter dem Aspekt >Kunst< betrachte, da ich ja bildender Künstler bin, kommt diesem Gedanken noch eine besondere Relevanz zu: Es ist ja für solch einen Menschen, der Kunst macht, in einer besonderen Weise wichtig, seine konkrete und visuell wahrnehmbare Eigenständigkeit im künstlerischen Tun auch für alle sichtbar unter Beweis zu stellen.

Soweit ich es überblicke, unterscheiden sich meine Kunstwerke von dem, was anderswo zu sehen ist, deutlich: Sie sind abstrakt und nicht abstrakt, zumal da die eingebrachten Materialien sie sehr konkret machen; sie sind gegen einen allgemeinen Trend sehr langsam entstanden, was sie der handwerklich orientierten Maltechnik der Lasurmalerei verdanken, die Bilder so erst nach sehr langer Zeit wirklich fertig werden lassen. Und es sind in ihnen Farben zu sehen, die sich anderweitig kaum finden, da sie in den vielen, transparenten Schichten der sehr teuren Ölfarben eine nur so zu erzielende Farbigkeit erreichen.

Die viele Zeit, die es erfordert, die Bilder entstehen zu lassen, bewirkt, dass es auch für den Betrachter viel Zeit erfordert, die Bilder wirklich wahrzunehmen. Genauer: Die Bilder sind so angelegt, dass der Betrachter sie erst in seinem Kopf entstehen lässt. Konsequent zu Ende gedacht heißt das, dass jeder Betrachter mittels der von mir geschaffenen Kunstwerke sich selbst ein eigenes Bild vom jeweiligen Kunstwerk machen muss. Dieser hohe Anspruch geht nicht auf mich zurück, sondern er stammt von Jackson Pollok, einem amerikanischen Künstler des Abstrakten Expressionismus. Seine Kunst zählt derzeit zum Teuersten, was der internationale Kunstmarkt aufweisen kann.

Wir sind beim >Wert< der Kunst angekommen. „Was verspricht die Kunst?“ ist der Titel eines 1998 erschienenen, ironischen Buchs des Journalisten Stefan Heidenreich. Was hat denn Kunst für einen >Wert<? Zunächst einmal einen Materialwert, denn das zum Beispiel von mir verwendete Material ist in der Tat alles Andere als billig. Macht aber das seinen >Marktwert< aus? Ich denke,

nein, denn der Marktwert wird bestimmt durch den, der ein Erwerbsinteresse an einem Kunstwerk entwickelt. Das heißt, es muss sich so etwas wie eine Kommunikation über das Kunstwerk ergeben zwischen dem Künstler und dem Interessenten, aus der heraus sich dieser Wert spezifisch verifiziert. Und das wiederum bedeutet in der Konsequenz, dass Kunst immer einen relativen Wert hat.

Da ist dann aber noch ein >Wert< nicht angesprochen, den ich als den eigentlichen Wert von Kunst sehe. Wenn ich mich denn nun auf alle sehr namhaften Autoren von Werken der Philosophie und der Psychoanalyse berufen darf, die ich in den letzten Monaten sehr intensiv gelesen habe, darf ich zusammenfassend behaupten, dass Kunst zu den für den Menschen wichtigsten Dingen überhaupt zählt. Der >Wert< entsteht an der Stelle, wo der Mensch zu sich finden will, versucht sein Wesen, seine Besonderheit zu ergründen. Da der Mensch ein >Augentier< ist, geschieht dies im Wesentlichen über dieses Wahrnehmungsorgan >Auge<. Es würde allerdings hier und heute Abend zu weit führen, Ihnen, meine Damen und Herren, nun die Mechanismen dabei zu erläutern.

Es gibt aber einen, der es in einer wunderbar einfachen, weil sehr knappen und trotzdem weitreichenden Form doch getan hat. Ich beziehe mich hier wieder auf den Kulturteil der >Westfälischen Nachrichten< und diesmal auf einen sehr ansprechenden Artikel vom 29.August 2015. In ihm wird der Direktor der Bielefelder Kunsthalle, Dr. Friedrich Meschede, in einem Interview vorgestellt. Zitat: „Es ist mir geradezu ein missionarisches Anliegen, an Kunstwerken exemplarisch zu zeigen, dass Kunst Freiheit gewährt.“ Ein gebürtiger Westfale mit dem klangvollen Namen >Meschede< zeigt sich hier als Apologet dieses für uns so wichtigen Begriffs >Freiheit<, was ich als ebenfalls gebürtiger Westfale nur begrüßen kann. Denn ich glaube wirklich, dass es zu den ganz tollen Besonderheiten dieser Region Westfalen zählt, dass hier die Freiheit zum festen Bestandteil der Kultur und der sich als Westfalen bezeichnenden Menschen gehört, meine Damen und Herren!

Und dann gibt es noch einen >Wert<! Hier kommt der Genuss!

Einige unter Ihnen, meine Damen und Herren, die zu den Fachleuten in Sachen Kunst zählen, werden nun hellhörig werden. Ein bildender Künstler geht so weit, dass er der Kunst, seiner Kunst, einen Genusswert attestieren will?! Genuss hat etwas mit Geschmack zu tun, und Geschmack und Kunst, nein, das geht gar nicht! Es liegt sogar etwas Abwertendes darin, sich zu einer bestimmten Kunst zu bekennen, und dabei mit seinem Geschmack zu argumentieren.

Ich meine das aber wirklich anders: Es ist nämlich überhaupt nicht egal, wo Kunst ist. Denken Sie, meine Damen und Herren, einmal an eine Bronzeplastik, die Sie auf einem Platz vorfinden. Ein gutes Beispiel ist da die Plastik von Schiller und Goethe in Weimar. Wo um alles in Welt hätte sie einen vergleichbaren Sinn wie dort vor historischer Kulisse in Weimar? Oder der >David< in Florenz?

Welch einen Ort haben wir hier? Das Hotel-Restaurant zur Prinzenbrücke ist direkt gelegen am Dortmund-Ems-Kanal, die neu angelegte Terrasse grenzt an die Kanalböschung. Das Wasser des Kanals spiegelt in den späten Nachmittagsstunden die Sonne auf die Terrasse und das angrenzende Restaurant. Das Wasser, der Spiegel und das Licht sind ganz wesentliche Elemente dieses Ortes.

Dies setzt nach Innen fort. Große Fensterreihen öffnen sich der Außenwelt, die ich zuvor beschrieben habe. Das Licht, der Glanz des Wassers und das Grün ringsum sind wahrnehmbar im Inneren, dringen also ein. Dort finden wir eine sehr zurückhaltende Farbigkeit in einem gedämpften, dunklen Rot der Polster, einem tief dunkelbraunen Holzton der Möblierung, eine authentische, ruhige Farbe des Fußbodens, einen sanften Weißton der Tischwäsche und einen hellen Creme-Ton der Wände. Warme Farben und warmer Raum – und sonst nichts!!!!

„Weniger ist mehr!“, das Postulat des Bauhaus-Gründers Walter Gropius für eine perfekte Ästhetik hat sich in diesem Raumkonzept niedergeschlagen, zumal noch eine zweite Forderung dieses großartigen Mannes hier verwirklicht wurde: „Innen und Außen sind gleich!“, was heißt, das Außen dringt in das Konzept der Innengestaltung ein, und die Innengestaltung setzt sich nach Außen fort, was die Art des Gestaltung der Terrasse beweist.

Wie gesagt, dies ist ein Restaurant. Es ist unvermeidlich, dass trotz bester Ablufttechnik der Duft der Speisen und Gerichte im Restaurant wahrnehmbar ist. Aber, was um alles in der Welt, meine Damen und Herren, ist daran zu monieren, dass an einem Ort, wo gekocht wird, die Nase mit den wunderbaren Düften der Küche gefüllt wird und so den Appetit anregt?

Nun bin ich ziemlich laut hier, gleich aber wird das Mikrofon abgestellt sein, meine Damen und Herren, das sei Ihnen versichert, gleich bin ich mit meiner Rede wirklich am Ende! Sonst aber, im Normalzustand des Restaurants, sitzen hier und da die Gäste, sie unterhalten sich in einem gedämpften Ton und in einer der Umgebung angepassten Lautstärke. Der Gast bekommt so die Empfindung, nicht allein zu sein hier, bei aller Intimität des Tisches, an dem er sitzt. Er befindet sich, so wie beschrieben, aber in einer wirklich ruhigen Atmosphäre.

Tja, und jetzt das, was den Ort zu dem macht, was er ist: Die sorgfältig ausgewählten Weine, Spirituosen und Biere, und die wunderbaren Gerichte der Küche des Hauses gepaart mit der bekannt freundlichen und zuvorkommenden Bewirtung, die dezent aber präsent zur Stelle ist, wenn der Gast einen Wunsch äußert: Das ist ein Ort, an dem die westfälische Gastkultur ihren Ausdruck findet.

„Im Spiegel des Wassers“, so der Titel dieser Veranstaltung hier und heute Abend ist der Einstieg in eine wunderbare Symbiose erfahrbarer Kultur im besonderen Spektrum sinnlicher Wahrnehmung: über die Zunge, über die Nase, über die Haut, über die Raumerfahrung und – ich darf sagen, es freut mich außerordentlich, hier dauerhaft einen Beitrag leisten zu dürfen: – über die Augen!

Es ist so also keine Eröffnung einer Ausstellung im engeren Sinn, sondern hier wird in einer einzigartigen Weise Bildende Kunst zu einem Teil eines großen Spektrums sinnlich erfahrbarer Genüsse, und das in einer Form, wie sie so authentisch, so miteinander im Einklang nur hier die Erlebnisform erreichen kann, die sich uns hier, meine Damen und Herren, ganz unmittelbar auftut.

Ich danke dem Hotelier-Ehepaar Petra und Dirk Schüßler sehr herzlich, dass ab heute nun in diesem Sinnen-Tempel meine Bilder einziehen dürfen und sie hier auch hängen bleiben! Und ich danke auch ganz besonders dafür, meine Damen und Herren, dass hier an diesem Ort, dem Hotel-Restaurant zur Prinzenbrücke, ein, wie ich finde, sehr wichtiger Beitrag zum Kulturort Hiltrup geleistet wird.

Und solch ein Beitrag ist mehr als ein paar Kunstwerke aufzuhängen, solch ein Beitrag ist nur zu leisten in einem weit in die Zukunft reichenden Konzept. Und da ist nicht nur die Ökonomie gefragt, die Ratio, es zählt dazu etwas ganz Wichtiges:

Es dazu gehört dann schon ein Portiönchen Liebe und Begeisterung für die Kunst, einen so eigenständigen, tja, westfälischen Künstler wie mich dazu auszuwählen!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Michael Rickert

In der Tiefe der Farbe

Theobald: Ihre Bilder besitzen eine beeindruckende, sehr harmonische Farbigkeit, Herr Rickert. Wie erreichen Sie diese? Erzählen Sie uns ein bisschen über Ihre Technik.

Rickert: Ein bisschen! Zunächst einmal, die Bilder, so wie sie hier zu sehen sind, sind nicht alle miteinander vergleichbar. Diese sind aus sehr unterschiedlichen Oeuvre-Phasen, und in diesen unterschiedlichen Oeuvre-Phasen sind auch sehr unterschiedliche Techniken zum Einsatz gekommen. Es ist ein Bild dabei, das im nächsten Jahr vierzig Jahre alt wird. Und dies ist natürlich technisch anders gemacht als die Bilder, die später entstanden sind. Aber wenn ich generell etwas sagen kann? Gut, man sieht es mir nicht so an, aber ich muss schon sagen: Ich bin Old School. Old School heißt, meine Malweise lehnt sich an Techniken an, die in großen Teilen rückführbar sind auf Techniken alter Meister, zum Beispiel auf Lukas Cranach d.Ä.. Es ist eine Malweise, die sehr mühsam und zeitraubend ist. Zunächst einmal arbeite ich überhaupt nicht mit Acryl. Acryl ist die Farbe der Gegenwart. Acryl ist eine Plastikfarbe aus meiner Sicht, die in keiner Weise Tiefe generiert und so eine reine Oberflächenfarbe bleibt..

Wenn ich mich nun, wie hier in allen Bildern zu sehen ist, den Ölfarben zuwende, setzt es voraus, dass man zuvor die Technik der Ölmalerei auch beherrscht. Ich darf anfügen, dass ich mit Udo Scheel, dem wohl für mich wichtigsten Lehrer an der Kunstakademie jemanden hatte, der auch vermitteln konnte. Und ich habe dies fortgeführt, und darf behaupten, dass ich mich nun im fortgeschrittenen Alter in der Lage fühle, diese Technik bis ins Letzte zu beherrschen. Dies sage ich mit vollem Selbstbewusstsein, und solch ein Selbstbewusstsein brauche ich auch generell, um mich nach Außen zu vertreten. Der jeweilige Seheindruck von diesen Farben hier entsteht nur dadurch, dass man durch sie hindurch sehen kann. Es sind viele transparente Farbschichten; es gibt Bilder, die bis zu 30 Farbschichten aufweisen. Die Trocknungsphasen dazwischen bedeuten, dass einige Bilder zwischen einem viertel und einem halben Jahr dauern, trotz nahezu täglicher Arbeit an ihnen. Insofern kann man schon behaupten, dass sie doch etwas Besonderes sind.

Darf ich fortfahren, Herr Dr. Theobald? Ich bin Kunsterzieher, nicht Kunstlehrer, im ausgeübten Beruf, und das ist ein Unterschied, eben wieder Old School. Für mich ist die Bezeichnung Kunstlehrer oder noch schlimmer: Kunstpädagoge fast so etwas wie ein Schimpfwort. Die Tradition aus den 1920er Jahren der Kunsterzieherbewegung wurde damals an der Akademie noch gelehrt. Und so wende ich mich auch mit eben diesem pädagogischen Impetus an den Betrachter, dass ich ihn mit meinen Bildern auffordere, ebenfalls viel Zeit aufzuwenden, die Kunstwerke zu sehen. Dies muss er auch tun, weil der eigentliche Eindruck, der erst den Sinn erschließt, nur so herzustellen ist. In diesen Gemälden hier gibt es keine Oberflächenreize, im Gegenteil, in das Konzept dieser Bilder ist von Vornherein mit eingedacht und eingearbeitet worden, was hier der Betrachter als seinen Beitrag zur Wahrnehmung zu leisten hat. Das Ziel eines jeden Bildes von mir ist die Aufnahme des Bildes in den Kopf des Betrachters, denn dort, darf ich behaupten, entsteht es eigentlich erst zu dem, was es ist oder sein soll: Diese Art Bilder entstehen erst im Kopf, was mir die hier namhafte, als Wissenschaftler tätige Personen in meinem Umfeld bestätigen.

Herr Dr. Theobald, war das jetzt eine Antwort auf Ihre Frage?

Theobald: Ich denke, schon, Herr Rickert. Aber jetzt eine weitere Frage: Sie haben dargestellt, mit welche einem Aufwand an Zeit und Material Sie Ihre Kunst betreiben. Sie gelten als sehr experimentierfreudig, sowohl in Ihren eingesetzten Materialien wie auch im gestalterischen Wagemut. Was treibt Sie dazu an? Was inspiriert Sie zu dem, was Sie da tun? Sind es Erinnerungen, passen gängige Schlagworte wie Träume oder Erlebtes, angespornt durch Glück oder Trauer; sind Sie beflügelt durch die Natur; geben Sie sich gelebten Gefühlen hin? Was treibt Sie, Herr Rickert?

Rickert: Eine gute Frage, Herr Dr. Theobald, wirklich, eine gute Frage! Ich hatte den Vorzug, nicht weit von hier in der Stadt Menden im Sauerland groß zu werden. Vielleicht kein doller Ort, aber für mich war er das schon. Ich hatte einen Vater, der mich mehr oder weniger – nicht zwang, aber – anleitete, mit ihm täglich in den Berg, den nahe unserem Haus aufsteigenden Kapellenberg zu gehen. Es ist kein hoher Berg, aber immerhin, er ist ein Berg. Natur war für mich in dieser Kindheit eine Sache, die man nicht anders bezeichnen kann als die normalste Sache der Welt. Ich bin mit Bildern von Dachsen groß geworden, mit vor dem Bau spielenden Füchsen. Ich kann heute noch Greifvögel im Flugbild voneinander unterscheiden, auch die ungewöhnlichen und exotischen. Alles das war mein Vater. Dieses Aufwachsen in der Natur ist, wenn man es einmal internalisiert hat, eine Geschichte, die einen das ganze Leben begleiten wird. So ist Natur ganz sicher eine Inspirationsquelle, keine Frage. Und das äußert sich in den Formen und Farben.

Ein Beispiel: Ich hatte Anfang des Jahres eine wirklich große Ausstellung in Lüdinghausen auf Burg Vischering, dem Museum des Kreises Coesfeld, einer wunderschönen Wasserburg, vielleicht kennen Sie sie. Die Bildauswahl dieser Ausstellung war abgestellt auf Wasser, was sich ja bezogen auf den Ausstellungsort naheliegend darstellt. In meiner Kindheit in Menden hatten wir unmittelbar hinter unserem Haus einen Fluss, die Hönne, keinen großen Fluss, immerhin aber doch einen richtigen Fluss. Wasser war somit für mich das Normalste der Welt: Stichlinge, Flusskrebse, ab und zu mal eine Forelle. Dieses Wassererlebnis ist nach wie vor relevant, somit beflügelnd, beflügelnd im Sinne Ihrer Frage, Herr Dr. Theobald! Ich könnte jetzt viel mehr erzählen, ich überlasse Ihnen aber jetzt das Wort!

Theobald: Herr Rickert, vor Ihnen liegt ein jungfräuliches Blatt Papier. Picasso hat einmal gesagt, für ihn sei ein leeres Blatt ein Horror. Wie ist es bei Ihnen? Horror oder Verlockung?

Rickert: Zunächst einmal ist es überhaupt kein Horror, und ich kann mir das auch bei Picasso nicht vorstellen. Es gibt nach meiner Überzeugung keinen Künstler, der soviel gelogen hat wie Picasso! Picasso hat zumindest in seiner Spätphase die Kunst als Lizenz zum Drucken von Geld gesehen und besagtes, jungfräuliches Blatt Papier war die willkommene Grundlage für die Gelddruckmaschine. Das tue ich im Übrigen nicht, wie Sie sich vorstellen können, ich bin halt sehr bescheiden!

Ich arbeite in großen Serien, das ist zwingend notwendig, wenn denn ein Malprozess so zeitaufwendig ist, wie ich das soeben geschildert habe, drei Monate und länger, das geht nur, wenn man die Malerei quasi parallelisiert. Es geht überhaupt nicht, nur an einem Bild zu arbeiten. Das heißt, eine solche Arbeitsweise vorausgesetzt, wird in das einzelne Kunstwerk der Charakter des Seriellen implizit eingefügt. Es sind manchmal 15 Bilder im Prozess.

Theobald: Dazu braucht man aber Platz! Viel Platz!

Rickert: Kann ich bestätigen: Dazu braucht man viele Platz. Darf ich mal aus dem Nähkästchen plaudern? Es wurde ja in der Einleitung der Oberrat genannt, somit ist klar, ich bin da als Kunstbeamter privilegiert. Ich arbeite in Münster an einem Gymnasium. Nun weiß ich nicht, wie ich mich hier heute darstelle, und wie Sie mich dabei empfinden, an meiner Schule in Münster aber habe ich die Bezeichnung: „Der Sauerländer“ erhalten. Das ist nicht unbedingt ein Ehrentitel. Zielt auch wohl auf meine unerschütterliche Beharrlichkeit ab! Und ich darf sagen, der vorherige Schulleiter war mir sehr gewogen, und so bin ich an einen Raum gekommen in dieser Schule, der eigentlich nicht mehr zu nutzen ist, weil er fast baufällig ist. Ich male also in der Schule, und die Vorstellung liegt somit nahe, darauf verweisen zu können, quasi doppelt so viel in der Schule zu arbeiten wie andere!

Theobald: Emil Schumacher vertrat die Auffassung, man müsse sich über das Bild quälen, damit es gut wird; quasi per aspera ad astra! Wie ist das bei Ihnen? Ist Malen auch manchmal eine Qual für Sie?

Rickert: Natürlich! Es stimmt, es stimmt sogar sehr! Ich möchte anfügen, ich bin, Sie werden es mir nicht glauben wollen, studierter Naturwissenschaftler. Und so ist es erklärbar, das mein zweiter Sohn Chemiker geworden ist. Erst wollte ich das gar nicht glauben, aber er ist ein sehr guter geworden. Mein Sohn hält mich für einen Wahnsinnigen. Diese Bilder hier entstehen unter extremer Experimentierfreude, Sie hatten es ja eingangs bereits angesprochen. Es sind zum Teil toxische Prozesse in der Entstehung mit drin, Redoxreduktionen und dergleichen. Nur so entstehen bestimmte Wirkungen, und so gesehen ist auch Kunst machmal auch Qual.

Theobald: Gehören dazu auch Ihre Experimente mit dem Feuer?

Rickert: Alles, was mit Ölmalerei zu tun hat, ist eigentlich extrem feuergefährlich. Bestimmte Arbeiten habe ich im Vorgang mit ca. 600 Grad Celsius versehen, und das liegt deutlich über dem Entzündungspunkt von Terpentin. Es sind dabei schon ein paar Leinwände, sagen wir ´mal, hoch gegangen.

Theobald: Sie haben es überlebt?

Rickert: Ja, ich habe es überlebt! Natürlich habe ich zum Schutz meinen speziellen Kittel an. Das ist meine Berufskleidung.

Theobald: Wie müssen wir uns das vorstellen?

Rickert: Also heute habe ich meine so genannte Kuratorenuniform an. Diese habe ich immer an, wenn ich selbst eine Ausstellungseröffnung habe oder eben eine Ausstellung eines anderen Künstlers eröffne. Die Kinder in der Schule haben immer sehr viel Spaß, wenn ich dies ihnen schildere. Immer das Gleiche, also ist diese Kleidung eine Uniform. Und beim Malen habe ich auch eine Uniform an: das ist ein Apothekerkittel, der geht bis zu den Waden herunter, er ist bis oben geschlossen, und er ist voller Farbe. Ich sehe da aus, tja, wie ein Haribo-Männchen vielleicht. Dazu gehört eine farblich passende Hose und fast nur noch aus Farbe bestehende Schuhe.

Theobald: Man hat Sie einmal als westfälischen Künstler bezeichnet. Sie haben sich nicht dagegen gewehrt. Was macht das Westfälische an einem Künstler aus? Wann ist ein Künstler westfälisch?

Rickert.: Naheliegend: Wenn er sich dazu bekennt. Ich weiß jetzt nicht, wie Sie mich hier erleben. Sie sind ja auch, wie ich meine, Westfale.

Theobald: Tja, wir hier in Herdecke gehören schon zu Westfalen.

Rickert: Ich darf sagen, ich habe in meinem Leben nie einen anderen Wohnort gehabt, der außerhalb Westfalens lag. Und ich habe dies nie als Manko gesehen. Ich habe in der vergangenen Woche eine Rede gehalten, es wäre naheliegend, aber ich werde aus ihr hier nicht zitieren. Ich rege mich dort über einen Artikel der Westfälischen Nachrichten in Münster auf, wo das Westfälische kolportiert wird. Aber in einer richtig blöden Form. Ich setze da etwas dagegen. Meine Frau ist Münsteranerin, sie ist in Münster geboren. Man wird Münsteraner nur durch Geburt nicht durch Zuzug. Selbst die Generation von drei Söhnen, die in Münster geboren sind, also Münsteraner sind, lässt mich nach wie vor auf dem Status des Sauerländers zurück. Verrückt, nicht wahr? Von meiner Sorte gibt es eine ganze Menge in Münster, alle beklagen wie ich den Zustand, aber wir gehören nie richtig dazu. Also bin ich eben Westfale. Nun kenne ich sehr viele Westfalen über die ganze Region verstreut, und ich darf sagen, und in der vergangenen Woche habe ich das auch unterstrichen, dass uns Westfalen etwas auszeichnet, was Sie hier verifizieren, und das jetzt ´mal auch in der eigenen Wahrnehmung: Wir sind komplett eigenständig, vielleicht manchmal auch etwas eigenartig, aber eben eigen ständig, und diese Eigenständigkeit drückt sich in den verschiedensten Formen aus, ich muss jetzt nicht in die Feinheiten gehen!, aber sie bedingen etwas, was man uns daran wiedererkennen lässt. Und dieses Wiedererkennen als Westfalen wird ganz gerne einmal, gerade im Kulturbereich, kolportiert als hinterwäldlerisch. Und das lasse ich so nicht auf mir und nicht auf Ihnen sitzen. Ich bin kein internationaler Künstler, was habe ich davon? Selbst wenn ich im nächsten Jahr in Italien und Schweden Ausstellungen haben werde, so ist die Bezeichnung „internationaler Künstler“ mir völlig wurscht.

Ich habe noch in meiner Rede einen zweiten Artikel der Westfälischen Nachrichten zitiert, und zwar mit einem Interview mit einem Herrn Dr. Meschede. Er ist Direktor der Kunsthalle Bielefeld. Gut, man kann sagen, Ost-Westfale, er ist aber gebürtiger Sauerländer, natürlich, er war lange Kunstvereinsvorsitzender in Münster. Und besagter Herr hat sich aufs Panier geschrieben , durch das , was er da tut in seiner im Übrigen sehr empfehlenswerten Kunsthalle etwas Wichtiges voranzutreiben: Kunst schenkt etwas, und das ist Freiheit. Und Freiheit ist das, was uns hier verbindet. Es ist das, was ich in meinem Leben immer sehr nachdrücklich verfolgt habe, nicht immer ohne Blessuren, kann ich sagen, kann aber behaupten, ich lebe ganz gut damit.. Die Freiheit ist etwas ganz, ganz Großartiges.

Theobald: Ich hätte jetzt noch ein paar Tausend Fragen an Sie, aber ich will jetzt das Interview beenden. Ich danke Ihnen für die aufschlussreichen Antworten sehr herzlich!

Rickert: Seit unserer ersten Begegnung war mir klar, von Ihnen keine schlimmen Fragen gestellt zu bekommen. Unser westfälisches Prölken hat dazu beigetragen.. Und auch ich danke Ihnen dafür herzlich!

 

Interview geführt von Dr. Jürgen Theobald am 6. November 2015 in der Ruhrgalerie, Herdecke/Ruhr

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